Tauschhandel im Pazifik und ethnologische Sammlungen

Captain_Cook_at_Possession_Island

Captain Cook at Possession Island

Die ethnologischen Sammlungen aus Polynesien waren im 18. Jahrhundert durch knallharte Tauschgeschäfte mit den indigenen Inselbewohnern zusammengetragen worden.

Wenn James Cook und seine Wissenschaftler oder die anderen Forschungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts mit ihren leicht bewaffneten Forschungsschiffen in die pazifische Inselwelt eindrangen, dann waren sie dort nicht die überlegenen Europäer, die auf primitive Wilde stießen, die man mit Glasperlen oder Spiegeln zufriedenstellen und mit donnernden Kanonen beeindrucken konnte. Ohne die Bereitschaft der Bewohner des pazifischen Raumes, die europäischen Besucher zu unterstützen, hätte es in jener Zeit wohl keine Erforschung der Südsee gegeben.

Zwischen den aufgeklärten europäischen Wissenschaftlern und den polynesischen Insulanern gab es eine Gemeinsamkeit: die Leidenschaft des Sammelns und Tauschens. Und während die Europäer zunächst natürlich an so elementaren Dingen wie Proviant, Trinkwasser oder Reparaturholz aber eben auch an kulturellen Artefakten der indigenen Bevölkerung, an geologischen und biologischen Proben und nicht zuletzt an geographischen und kulturellen Informationen interessiert waren, fanden die Inselbewohner alles, was aus Europa kam, spannend. Immerhin hatten die Europäer eine Menge zu bieten, angefangen von feinen Stoffen über Eisen, Werkzeuge bis hin zu Feuerwaffen, die für die Clanchefs bei ihren inner- oder transinsularen Auseinandersetzungen von großem Wert waren.

Der Tauschhandel in der polynesischen Kultur

Es dauerte ein wenig und kostete nicht zuletzt auch James Cook das Leben, bis die europäischen Forscher begriffen hatten, wie die indigenen Gesellschaften funktionierten, dass Diebstahl nicht immer Diebstahl war, sondern oft nachträglicher Wertausgleich für einen als unausgewogen betrachteten Tausch. Und natürlich hatte der Tausch (-handel) bei den Polynesiern bereits eine lange, voreuropäische Tradition und damit eigene Regeln und Ziele. Gegenseitige Geschenke der Clanchefs untereinander zeugten von Respekt und Anerkennung, ein Clanchef, der viele, möglichst wertvolle und ausgefallene Geschenke aufgehäuft hatte, steigerte sein Ansehen und seine Stellung in der Gemeinschaft, und stellte dabei seine Fähigkeit unter Beweis, für sein Volk zu sorgen. Und europäische Güter waren in diesem Zusammenhang natürlich etwas ganz Besonderes. Eines aber war den Forschungsreisenden sofort klar geworden. Ohne einvernehmlichen Tausch mit der indigenen Bevölkerung gab es keine Chance auf Proviant oder gar Ethnografika.

Cook/Forster-Sammlung in Hawaii

Und so fanden europäische Materialien schnell Einzug in das traditionelle Handwerk der Insulaner. Europäische Fabrikware ersetzte bei kultischen oder repräsentativen Artefakten aber auch bei Alltagsgegenständen die einheimischen Naturmaterialien, während die Europäer eifrig und in großer Zahl voreuropäische Federmäntel, Masken und andere Artefakte einsammelten um diese in ihre heimischen Museen zu überführen. Das paradoxe Ergebnis: im pazifischen Raum finden sich heute so gut wie keine Artefakte aus voreuropäischer Zeit, gefertigt aus heimischen Naturmaterialen. Ein Aspekt, der besonders deutlich wurde, als im Jahre 2006 unter dem Titel „Life in the Pacific of the 1700s“ 350 Exponate der Göttinger Cook/Forster- Sammlung in der Academy of Arts in Honululu, Hawaii präsentiert wurden. Erst die mehr als 230 Jahre alten Artefakte der Göttinger Sammlung machten es möglich, der indigenen Bevölkerung Polynesiens wieder einen authentischen Einblick in das kulturelle Leben der eigenen Vorfahren im 18. Jahrhundert zu vermitteln.

Kamehameha I.- der Napoleon des Pazifik

Die Europäer, die schlichtweg auf die Unterstützung durch die örtlichen Herrscher angewiesen waren, ließen sich, als Gegenleistung nicht selten in die Machtkämpfe zwischen den Clanchefs der Inselgruppen einbinden und brachten damit, nicht zuletzt auch durch den nicht immer freiwilligen Tausch von Feuerwaffen, die gesellschaftlichen Gefüge der Inselwelt aus dem Gleichgewicht. Der hawaiianische König Kamehameha I. ist hierfür ein gutes Beispiel. Der Neffe des Häuptlings, unter dem James Cook unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen zu Tode gekommen war, hatte sich im Laufe seiner Regentschaft nicht nur einen britischen und einen amerikanischen Militärberater zugelegt, er hatte ebenfalls eine ansehnliche Flotte von rund 30 amerikanischen Schonern und zahllosen robusten, teils mit Kanonen bestückten Kriegskanus zusammengesammelt. Mit seiner militärischen Macht war es ihm schließlich 1810 gelungen, sich zum alleinigen Herrscher über die gesamte hawaiianische Inselgruppe aufzuschwingen. Als unabhängiger Handelspartner von Europa und den USA war es Kamehameha I. und seiner Dynastie ebenfalls gelungen, das neue Königreich so zu stabilisieren, dass bis zur Annexion 1898 durch die USA weder russische, noch britische noch amerikanische Aneignungsversuche gelungen waren.

Polynesien, Mikronesien und Melanesien

Natürlich waren die Europäer in den Weiten der pazifischen Inselwelt mit recht unterschiedlichen Tauschkulturen und –strukturen konfrontiert. So handelte es sich bei dem polynesischen Dreieck um einen sprachlich und kulturell recht homogenen Raum, der ein tieferes Eindringen in die Inselwelt nach den ersten Erfahrungen und Erkenntnissen durchaus erleichterte. Mikronesien hingegen war wirtschaftlich weitgehend uninteressant für die Europäer. Und die Bewohner Melanesiens hatten in ihrer Vergangenheit ausreichend Erfahrung mit Erobereren und Kolonisatoren nahegelegener Inseln gemacht. Insofern standen sie europäischen Besuchern deutlich distanzierter gegenüber, zumal sie bereits seit dem 15. Jahrhundert gelegentlich auch gewaltsame Übergriffe portugiesischer und spanischer Seefahrer hatten über sich ergehen lassen müssen. Und für machtpolitische Ambitionen nach dem Muster Kamehamehas waren die gesellschaftlichen Strukturen in Melanesien viel zu kleinteilig und undifferenziert.

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Ethnologie, Zeitalter der Entdeckungen

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