Der Beginn des industriellen Ölzeitalters

Ölpreis, Ölkrise, Umweltverschmutzung, sind die Begriffe, mit denen heute das schwarze Gold wohl am ehesten spontan in Verbindung gebracht wird. Natürlich fallen einem noch Saudi- Arabien oder Texas ein, wenn von Erdölförderung die Rede ist.

Historisch sind in Zusammenhang mit dem Ölboom vielleicht noch Standard Oil und Rockefeller in Erinnerung. Dass aber bereits 1856 in Dithmarschen und 1858 bei Wietze in Niedersachsen die ersten Bohrungen durchgeführt wurden, bei denen Erdöl zutage gefördert wurde, ist vor dem Hintergrund des in Amerika 1859 gestarteten Ölbooms weitgehend in Vergessenheit geraten.

Vorangegangen war der bis heute ungebrochenen Jagd nach dem schwarzen Gold die Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung von Kerosin aus Kohle oder Erdöl. 1955 hatte der kanadische Arzt und Geologe Abraham P. Gesner dieses Verfahren zum Patent angemeldet und damit die Grundlage für eine preiswerte Alternative zum teuren Walöl als Brennstoff für Lampen geschaffen. Und als schließlich 1859 Edwin L. Drake am Oil Creek in Titusville im amerikanischen Bundesstaat Pennsyvania in einer Tiefe von nur 21 Metern auf ein erstes großes Ölvorkommen gestoßen war, hatte die Stunde der großindustriellen Ausbeutung der weltweiten Erdöllagerstätten geschlagen. Und das niedersächsische Wietze am Südrand der Lüneburger Heide war ein Teil dieses historischen Ereignisses.

Konrad Hunäus und die Deutsche Erdöl AG

Zwar wurde dem Öl, dass die Bohrung des Geologen Konrad Hunäus 1858 hervorbrachte zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, schließlich hatte man ja nach Braunkohle gesucht, spätestens mit der spektakulären Entwicklung  in den USA und mit der 1899 vorgenommenen Bohrung, die aus 270 Metern Tiefe freifließendes Öl an die Oberfläche drückte, wurde auch Wietze zeitweise zu einem bedeutenden Erdölzentrum. Immerhin wurden hier in der Folgezeit neben einem Erdölbergwerk über 2000 Bohrungen, davon rund 1600 erfolgreich, vorgenommen, eine Raffinerie errichtet, ein Hafen gebaut, Arbeitersiedlungen angelegt und die Verkehrsinfrastruktur entwickelt. 52 Ölgesellschaften waren hier tätig gewesen, von denen 24 in der DEA (Deutsche Erdöl AG) aufgegangen waren. 1963 wurde die Ölförderung in Wietze eingestellt. Heute befinden sich dort das älteste Erdölmuseum der Welt und natürlich zahlreiche Spuren der deutschen Erdölvergangenheit.

Ölboom wie in Pennsylvania

Immerhin rund 80% des Deutschen Erdölbedarfs wurde 1910 in Wietze gefördert, dabei gab es auch noch andere relativ ergiebige Ölvorkommen in Deutschland. Auch in der Nähe von Wietze, rund um Celle bei Hannover fanden sich eine Reihe von „boomtowns“, die ihren oft kurzen aber heftigen Aufstieg der Gier nach dem schwarzen Gold zu verdanken haben. So zum Beispiel die Siedlung Oelheim. 1862 wurde bei Edemissen unter der Leitung des Konrad Hunäus die dritte Erdölbohrung in Deutschland niedergebracht. Aber erst 1881 hatte man dort ein ergiebiges Ölfeld angebohrt. Immerhin flossen nun täglich rund 75.000 Liter Öl – eine für damalige Verhältnisse gewaltige Menge. Und so wurde aus der kleinen Siedlung für Bohrmeister und Hilfskräfte ein aufstrebender Ort mit Hotel, Straßen, Bahngleisen, mehreren Aktiengesellschaften und zeitweise wohl an die Tausend von außerhalb angeworbenen Arbeitern, wie zeitgenössische Quellen berichten. Aber bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts war es mit diesem  „deutschen Pennsylvanien“ in Ölheim wieder vorbei.

Die Deutschen und das internationale Ölgeschäft

Mit den gewaltigen amerikanischen Vorkommen in Texas oder den Russischen in Baku war das deutsche „Erdölwunder“ sicherlich  nicht vergleichbar. Trotzdem spielten deutsche Unternehmer von Anfang an im weltweiten Ölgeschäft eine herausragende Rolle. In Kooperation mit der mächtigen Standard Oil des John D. Rockefeller und den Deutschen Kaufleuten Wilhelm Anton Riedemann, Franz Ernst Schütte und Carl Schütte entstand 1890 die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft, die seit 1950 Esso und heute ExxonMobil heißt. Immerhin gilt die deutsche Erdöl- und Erdgasindustrie als norddeutsche Schlüsselindustrie und weltweit als technologisch führend. Und so feierte sich der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) nicht zufällig am 30. August 2009 unter dem Motto „150 Jahre Erdöl und Erdgas aus Deutschland“ unter anderem mit einem branchenweiten Tag der offenen Tür.

Veranstaltungen und Ausstellungen zum Erdöljubiläum

Natürlich war hier auch das Erdölmuseum Wietze mit seinen historischen Förderanlagen, seiner Wanderung zur Geschichte des Erdöls und nicht zuletzt der naturkundlich– historisch interessanten Umgebung in die Jubiläumsaktion mit einbezogen. Neben zahlreichen modernen Industrieanlagen in Norddeutschland kann man auch das auf dem ehemaligen Wietzer Ölfeld angesiedelte RWE Dea Labor besichtigen. Aber auch industrieunabhängige Einrichtungen wie beispielsweise das Geowissenschaftliche Zentrum der Universität Göttingen feierten das Jubiläum mit entsprechenden Veranstaltungen.

 

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Ausstellungen, industrielle Revolution

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