Kelten! Kelten? – eine Rezension

‚Keltische Spuren in Italien’ lautet die Unterschrift des Begleitbandes zur Ausstellung „Kelten! Kelten?“ im Römisch Germanischen Zentralmuseum (RGZM), die vom 19.05. bis 01.08.2010  unter anderem Forschungsergebnisse zur Kultur der Kelten und italischerVölkerschaften präsentiert.

6680_131Bereits das Ausrufe- und Fragezeichen im Titel lässt ahnen, dass die Identifikation keltischer Kultur anhand von archäologischen Funden oder auch historischen Berichten nicht ganz einfach ist. Und die einzelnen Aufsätze machen ebenfalls deutlich, dass sich selbst bei umfassender literarischer Quellenlage und zahlreichen archäologischen Funden noch immer mehr grundsätzliche Fragen als konkrete Antworten ergeben. „Mythos Lebensraum, die keltischen Wanderungen im Blickfeld heutiger Fragen“ lautet der erste, einführende Artikel, der aufgrund der Bewertung der historischen Quellen und archäologischer Untersuchungen unser klassisches, durch die römischen Geschichtsschreiber geprägtes Verständnis von den keltischen Völkerwanderungen über die Alpen in den italienischen Raum stark relativiert.

Kelten, die Ausbreitung einer Kultur

Bereits vor der bislang als Wanderungen begriffenen Ausbreitung keltischer Kultur sind rege Kontakte auch durch Güteraustausch zwischen der hallstattzeitlichen Keltike und dem Mittelmeerraum nachgewiesen. Als Beispiel seien hier die etruskischen Schnabelkannen genannt, die sich seit etwa dem 6. vorchristlichen Jahrhundert neben griechischer Keramik und anderer mediterraner Importgüter auch in den Fürstensitzen der keltischen Kerngebiete nördlich der Alpen findet. Der Strom der Kulturgüter war jedoch beileibe keine Einbahnstraße, wie die Verbreitung keltischer Waffen und beispielsweise Helmformen im Mittelmeerraum, vor allem aber in Oberitalien belegt. Durch ausführliche Abhandlungen beispielsweise zu Ausgrabungen am Dürrnberg bei Hallein, von Gräberfeldern der Boier am Monte Bibele und Monterenzio Vecchio in der Provinz Bologna oder der ligurisch-apianischen Nekropole von Pulcia zeigen die Autoren die enge Verzahnung der Kulturräume diesseits und jenseits der Alpen.

Kulturtransfer oder Transfer der Kulturträger

Bei der Betrachtung der archäologischen Befunde wird dem Leser allerdings immer wieder vor Augen geführt, wie schwierig es ist, beispielsweise aus Grabbeilagen kulturell eindeutiger Herkunft auch auf die Herkunft des Bestatteten zu schließen. Ein Problem, dass sich auch in der abschließenden Diskussion um die verschiedenen Modelle der keltischen Wanderungen ausdrückt. Immerhin reichen die Vorstellungen der keltischen Expansion über die von den römischen Geschichtsschreibern postulierten, aber heute kaum noch haltbaren Wanderungen ganzer keltischer Volksstämme, über Söldnergruppen beispielsweise im Rahmen der Feldzüge Hannibals bis hin zu kleinen militärischen Expeditionen, Raubzügen. Der Leser beginnt bei sorgfältiger Lektüre des RGZM-Buches aus der Mosaik-Serie zu ahnen, wie vielfältig die Möglichkeiten kultureller Ausbreitung generell sind. Und er ist zweifellos dankbar, dass sich wie das Kapitel „Einheimisch oder fremd“ zeigt, die wissenschaftlichen Methoden und Disziplinen immer weiter entwickeln. Mit der wissenschaftlichen Methode der Biogeochemie kann heute beispielsweise eindeutig geklärt werden, ob ein Mensch in der Gegend, in der er bestattet wurde, aufgewachsen ist, oder nicht. Damit sind die Wissenschaftler in dieser Frage nicht mehr (nur) auf die für sich allein sehr zweifelhaften Grabbeigaben angewiesen.

Auf der Suche nach den wahren Kelten

Die trotz ausführlicher und informativer Illustrationen durchaus anspruchsvolle Lektüre des Buches „Kelten! Kelten?“ lohnt sich nicht nur für Keltenfans. Es hilft generell vorschnelle Schlussfolgerungen aufgrund archäologischer und historischer Quellen egal zu welchen Ereignissen oder Kulturen zu vermeiden, und zu begreifen, wie selbst bei umfangreicher materieller und schriftlicher Quellenlage selbst eine kleine, scheinbar unbedeutende Information zu ganz neuen Erkenntnissen und Bewertungen führen kann. „Kelten! Kelten? ist richtig verstanden auch ein Lehrbuch, dass dem Leser vermittelt, wie sehr unsere Vorstellungen über bestimmte Kulturen oder über geschichtliche Ereignisse von Modeströmungen, aber auch politischen Interessenlagen der Berichterstatter abhängen und wie wenig unseres vermeintlichen Wissens bei näherer Betrachtung tatsächlich gut begründet ist.

Martin Schönfelder (Hrsg): Kelten! Kelten?, keltische Spuren in Italien. schnell+steiner 2010. Gebunden, 58 Seiten.

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