Gaza, ein Buch über eine Brücke zwischen Kulturen

Gaza, dieses Wort verbinden wir heute mit Elend, Zerstörung, Krieg. Gaza, das ist für uns der ‚Streifen’, die palästinensische Enklave zwischen Mittelmeer, Israel und dem Sinai. Aber Gaza ist auch eine Stadt und eine Region mit mehr als 6000 Jahre Kulturgeschichte.

GazaAuf der Kulturgeschichte liegt auch der Schwerpunkt des Begleitbuches zur Ausstellung „GAZA, Brücke zwischen Kulturen, 6000 Jahre Geschichte“, die in der ersten Hälfte 2010 im ‚Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg’ präsentiert wurde. Stadt und Region Gaza sind Teil des Gebietes, das als Levante im engeren Sinne bezeichnet wird. Andere Begriffe sind ‚Kanaan’ und ‚Palästina’, klangvolle Bezeichnungen aus Frühgeschichte, Antike und Mittelalter, die sich so gar nicht mit dem heutigen Bild vom Gazastreifen verbinden lassen.

Die Autoren des Buches beschreiben im Kapitel ‚Frühgeschichte’ die reichhaltige und wechselhafte Geschichte des schmalen und für den außenstehenden Betrachter wüsten Streifen des nördlichen Orients von der ersten Besiedlung bis zur Eroberung durch Alexander den Großen. Dabei wird deutlich, dass Gaza aufgrund seiner strategisch günstigen Lage immer im Spannungsfeld der vorderasiatischen und ägyptischen Großmächte gestanden hatte. Sei es als militärisches Durchzugsgebiet, sei es als Handelsknotenpunkt, sei es als Schnittstelle zwischen den Kulturen oder als Teil des Herrschaftsbereiches unterschiedlicher Großmächte.

Gaza, eine multikulturelle Grenzregion

Mit der Eroberung Gazas durch Alexander und der späteren Integration in das römische Imperium kamen neben den ägyptisch-afrikanischen, den arabisch-nomadischen und den orientalischen nun auch Kultureinflüsse des Okzidents nach Palästina. Der Raum um Gaza entwickelte sich zu einem eigenständigen Kulturraum. Aus dieser kulturellen Sonderstellung heraus spielte Gaza im oströmischen Reich eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Christentums und dem Konflikt zwischen römischer und griechisch-orthodoxer Kirche sowie den verschiedenen Strömungen christlicher Gnostiker. Diese philosophisch-kulturelle Offenheit der Bewohner der Region begründete ebenfalls ein recht friedliches und kooperatives Verhältnis zwischen palästinensischen Christen, Juden und dem sich ausbreitenden Islam.

Die Archäologie in Palästina

Das Kapitel über den Islam in Gaza führt schließlich zwangsläufig in die Zeit der napoleonischen Orient-Expedition und –nach der Auflösung des osmanischen Reiches- der britischen Kolonialherrschaft, die in die sogenannte Palästinafrage mündete, die bis heute Grundlage des israelisch-palästinensischen Konfliktes ist. Es geht nicht anders, ein Buch über die Kulturgeschichte Gazas kann nicht unpolitisch sein. Und so ist natürlich auch die Rolle Israels bei der Vernichtung und Verschleppung palästinensischen Kulturgutes Gegenstand des Buches. Ob die Ausführungen hier nun voreingenommen sind, oder nicht spielt angesichts der ansonsten bei uns kaum verfüg- aber problemlos nachprüfbaren Informationen zu diesem Thema keine Rolle. Ausstellung und Buch jedenfalls sind in Zusammenarbeit mit der 1994 gegründeten Altertümerabteilung der palästinensischen Autonomiebehörde DACH (Department of Antiquities and Cultural Heritage) und dem kulturgeschichtlich engagierten palästinensischen Bauunternehmer Jawdat Khoudary entstanden.

Der Gazastreifen und das Weltkulturerbe

Allein die Tatsache, das sich die palästinensische Autonomiebehörde unter widrigsten Umständen in Zusammenarbeit mit internationalen Kooperationspartnern –allen voran den Franzosen- bemüht, das reichhaltige und einzigartige palästinensische und Weltkulturerbe (!) in Eigenverantwortung entsprechend moderner und international anerkannter archäologischer Standards zu erforschen, zu erhalten und vor allem vor den israelischen ‚Selbstverteidigungsmaßnahmen’ zu retten, vermittelt dem Leser ein deutlich differenzierteres Bild, als man es hierzulande gewohnt ist. Das Buch ist in jeder Hinsicht unbedingt zu empfehlen, es ist schlichtweg wichtig. Es beschreibt nicht nur ein reichhaltiges kulturelles, sondern auch archäologisches Erbe Gazas. Es vermittelt einiges, uns oft nicht allzu Vertrautes zur komplexen Glaubensgeschichte des Christentums und es beinhaltet Hintergründe zum aktuellen Palästinakonflikt, deren Kenntnisse zur politischen Bewertung der täglichen Nachrichten durchaus nützlich sind.

Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg (Hrsg). Gaza. Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte, Philipp von Zabern 2010. Gebunden mit Schutzumschlag, 152 Seiten, ISBN 978-3-8053-4224-7

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