Legendäre Reisen im Mittelalter – Rezension

Es sind Namen wie Marco Polo oder ibn Batuta, die wir üblicherweise mit mittelalterlichen Reisen verbinden, Die Autoren von „Legendäre Reisen im Mittelalter“ spannen den Bogen jedoch deutlich weiter.

9783806222005-bDass zu den vorgestellten Reisen auch die Kreuzzüge oder die Vinlandfahrten Eric des Roten zählen, erscheint auf den ersten Blick ein wenig verwunderlich. Tatsächlich aber gehen die Autoren des Buches „Legendäre Reisen im Mittelalter“ vor allem von der Motivation für die teilweise wagemutigen und scheinbar selbstmörderischen Fahrten des Mittelalters aus. Und da gibt es neben den Geschäften, der erkennbaren Abenteuerlust oder der Flucht vor Strafverfolgung auch den Glauben oder politische Motive. So ist es kein Wunder, dass eben auch Ritterheere, Pilger, Piraten, Gesandtschaften oder Forschungsreisende Gegenstand der Ausführungen sind.

Die Welt des Mittelalters von Vinland bis nach China

Der Aspekt der Forschung, der Wissenssammlung, der Entdeckungen war im Mittelalter ohnehin notwendiger Bestandteil jeglicher Reisetätigkeit. Denn die damalige Welt war zwar groß, aber noch längst nicht vermessen und kartografiert. Halbwegs bekannt und erschlossen war aus europäischer Sicht zu jener Zeit der Mittelmeerraum. Die abgelegenen nord- und osteuropäischen Regionen, der Orient und Asien bis hin zu China waren vor allem Objekte der Neugierde und phantastischer Vorstellungen. Konsequenterweise beginnt das Buch mit dem Kapitel „Die Wahrnehmung der Welt“, ein interessanter Überblick übe die geografischen Kenntnisse und deren Entwicklung im Mittelalter auf der Grundlage philosophischer und religiöser Vorstellungen. Diese Vorstellungen drücken sich natürlich vor allem in Kartenwerken und Bildern aus, die in Form von großformatigen Illustrationen Eingang in das Buch gefunden haben. Alle Kapitel sind übrigens reichhaltig bebildert.

Reisen und Reisende des mittelalterlichen Europa

„Legendäre Reisen im Mittelalter“ ist gespickt mit interessanten und nicht alltäglichen Informationen über Reiseorganisation- und Vorbereitung, Verkehrsnetze oder Logistik des Mittelalters. Aber es wimmelt auch von Namen von Reisenden und Persönlichkeiten, zu denen man –wie beispielsweise Giovanni da Pian del Carpine- gerne ein paar mehr Informationen erhalten hätte, vor allem, da sich das Buch –bewertet man es anhand der biografischen Schwerpunktsetzung- offensichtlich an eine Leserschaft wendet, der beispielsweise Marco Polo nicht sonderlich vertraut ist. Man merkt der lesenswerten und interessanten deutschen Ausgabe des Originals mit dem passenderen Titel ‚Viajes y viajeros en la Europa medieval’ (Reisen und Reisende im mittelalterlichen Europa) seine spanische Herkunft durchaus an. Nicht nur an den vorausgesetzten historischen Wissensschwerpunkten des Lesers. Gelegentlich hat man das Gefühl, dass man sich beispielsweise beim Verhältnis zum Islam noch in der Geisteshaltung der Reconquista befindet. Dieses Gefühl  könnte aber auch der zwar soliden aber nicht immer ganz stilsicheren Übersetzung geschuldet sein.

Andere Perspektiven

Die Lektüre des Buches erfordert zweifellos einiges an Konzentration, bringt dem Leser aber durchaus neue Erkenntnisse, Informationen und Sichtweisen zum Thema Reisen im Mittelalter. Für die tiefergehende Beschäftigung mit dem gesamten Spektrum des Themas erscheint die angehängte Bibliografie allerdings ein wenig zu ‚Pilgerlastig’, Fußnoten sind erst gar nicht vorhanden.

Feliciano Novoa Portela, F. Javier Villalba Ruiz de Toledo: Legendäre Reisen im Mittelalter. Theiss 2008. Gebunden mit Schutzumschlag, 233 Seiten.

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