Finkelstein / Silbermann: David und Salomo

So neu und überraschend, wie die bisherigen Rezensionen des Buches „David und Salomo“ es erscheinen lassen, sind die Erkenntnisse der beiden renommierten Archäologen, Israel Finkelstein und Neil A. Silbermann, für Kenner der Materie nun auch wieder nicht.

9783423345422Und mit Sicherheit wird dieses Buch keine wirklich neuen Diskussionen in der wissenschaftlichen Welt hervorrufen. Zum einen ist die amerikanische Originalausgabe der 2009er dtv- Neuerscheinung bereits 2006 publiziert worden, zum anderen spiegelt die hervorragende Arbeit der beiden Autoren letztendlich den heutigen archäologischen state of art wider. Vor diesem Hintergrund ist das Buch in vielerlei Hinsicht sehr empfehlenswert. Denn es dokumentiert so ganz nebenbei die moderne archäologische Methodik der sogenannten Clusterforschung, die sich mit strukturellen Erforschungen von Gebieten und Zeiträumen und nicht mehr mit der Konzentration auf einzelne Ausgrabungsstätten befasst. Und so ist es natürlich auch kein Wunder, wenn im Rahmen moderner Archäologie gerade Erkenntnisse der Bibelforschung, die wie die Autoren von „David und Salomo“ anschaulich darstellen, nicht nur in Frage gestellt, sondern auch widerlegt oder völlig neu bewertet werden.

Diskussionen wird es in der Archäologie natürlich immer geben im Bereich so sensibler Felder wie Glaube und Religion, aufgrund ganz unterschiedlicher Interessenlage und Zielsetzungen umso mehr. Viele Archäologen waren froh, wenn sie auf archäologische Stätten gestoßen sind, die in der Bibel beschriebene Orte und Ereignisse zu bestätigen schienen. Diese biblisch „bestätigten“ Funde dienten in einem Zirkelschluss dann dazu, wiederum die biblischen Aussagen zu bestätigen. Und so hatte sich eine biblisch-archäologische Geschichtsschreibung entwickelt, die, scheinbar wissenschaftlich belegt,  vom überwiegenden Wahrheitsgehalt der historischen und auch zeitlichen Aussagen der Bibel ausging. Diese Geschichtsschreibung hat sich bis heute weitgehend in unseren Köpfen festgesetzt und daher ist das Buch in seiner wissenschaftlichen Konsequenz außerordentlich erfrischend.

David der Banditenführer

Finkelstein und Silbermann haben sich nun nicht etwa der minimalistischen Fraktion der Wissenschaftler angeschlossen, die den historischen Wahrheitsgehalt der Bibel nahezu vollständig bestreiten. Die beiden Archäologen haben stattdessen in diesem Spannungsfeld eine systematische Neubewertung der Archäologischen Funde und der biblischen Texte vorgenommen. Es beginnt – schließlich heißt das Buch „David und Salomo“ – mit dem biblischen Helden David, dem Begründer des davidischen Königshauses im 10. Jahrhundert vor Christus. In dieser Zeit wird der in den späten biblischen Schriften zum idealisierten Herrscher  hochstilisierte David von den beiden Wissenschaftlern als Banditenführer der Wüste Juda identifiziert, Saul als Erinnerung an einen Führer eines nordisraelischen Stammesbundes der gleichen Zeit. Jerusalem in jener Zeit ein kleines Dorf im dünn besiedelten Juda.

Schicht für Schicht analysieren Finkelstein und Silbermann die biblischen Schriften, ordnen Geschichten und Erzählstränge der verschiedenen biblischen Bücher, die sich mit David und Salomo befassen, der konkreten archäologischen Fundlage zu und vermitteln dem Leser Stück für Stück die Zusammenhänge zwischen den biblischen Schriften und den in ihrer jeweiligen  Entstehungszeit vorherrschenden politischen Ereignisse und Grundlagen. Denn dem Leser wird schnell klar: die Bibel ist vor allem ein politisches Werk, das die Herrschaft des Hauses David über ein idealisiertes geeintes Königreich unter ganz unterschiedlichen überregionalen Machtkonstellationen legitimieren sollte.

Das Haus David als idealisiertes Königtum

Vor diesem Hintergrund wird am Ende auch erklärlich, warum sich David und Salomo nach dem Untergang erst Israels, dann auch Judas, schließlich des Jerusalemer Tempels und am Ende auch der davidischen Linie selbst dennoch bis in die Zeit der europäischen Aufklärung als idealisierte Grundlage des königlichen, gottberufenen Herrschertums sowohl in der abend- als auch in der morgenländischen Welt erhalten konnten. Gerade der wissenschaftlich nachvollziehbare Wandel einer auf Überlieferungen beruhenden und immer wieder angepassten politisch- ideologischen Legitimationsschrift, der in der Zeit der Infragestellung und des Untergangs der nationalen Integrität die Identitätsstiftende Kraft des Göttlichen und der strengen gemeinsamen Rituale hinzugefügt wurden, zeigen, wie sich erst in den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung die jüdisch – christliche Religion entwickelt hat, als idealisiertes Abbild, einer in das Überirdische verlagerten, längst vergangenen politisch-historischen Epoche. Insofern darf der Untertitel „Archäologen entschlüsseln einen Mythos“ als ungewöhnlich treffend bezeichnet werden. Und um es ganz deutlich zu formulieren. Das Buch „David und Salomo“ ist weder eine Stellungnahme für oder gegen Gott, noch für oder gegen Glauben. Es ist ein an- und aufregendes archäologisch- historisches Werk.

Israel Finkelstein, Neil A. Silbermann: David und Salomo – Archäologen entschlüsseln einen Mythos. dtv 2009. Taschenbuch, 298 Seiten.

 

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