Michael Schmauders "Die Hunnen – ein Reitervolk in Europa"

Mit dem Begriff Hunnen wurde nicht nur das wilde Reitervolk Attilas bezeichnet, der Begriff Hunnen wurde lange vor Attila verwendet und ist durchaus allgemeiner zu verstehen. Denn das Volk der Hunnen, in unserem heutigen Verständnis als Ethnie begriffen, hat es sicher nie gegeben.

Hunnen1Hunnen waren sicherlich ebenso wenig ein einheitliches Volk, wie Barbaren. Und so wird der Leser von Schmauder in seinem Buch „die Hunnen“ erst einmal sehr umfassend über das Phänomen der Reiternomaden des eurasischen Steppengürtels, das sich im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung herausgebildet hatte, aufgeklärt.

Das Buch „Die Hunnen“ steckt voller Überraschungen. So stellt Schmauder beispielsweise klar, dass das Reiternomadentum nicht etwa die der Sesshaftigkeit vorausgegangene Lebens- und Wirtschaftsform war, sondern dass die Sesshaftigkeit Voraussetzung für die Entwicklung des Reiternomadentums gewesen ist. Und bereits mehr als 1000 Jahre vor den Hunnen Attilas waren in regelmäßigen Abständen nomadisierende Reitervölker aus den asiatischen Steppen nach Europa vorgedrungen und hatten hier die kulturellen- und Machtkonstellationen gehörig  durcheinandergewirbelt. Namen wie Kimmerer, Skythen, Awaren oder Ungarn seien hier genannt.

Die Hunnen und die Völkerwanderung

Auch der Vorstoß der Hunnen nach Europa im 4. Jahrhundert hatte für gehörige Turbulenzen im römischen und barbarischen Machtgefüge gesorgt. Als Folge der hunnischen Expansion hatten zunächst die Goten, Alamannen, Franken und andere Vertriebene an die Grenzen des Römischen Reiches geklopft und schließlich zu einer Neuordnung des römischen Staatsgebildes geführt. Die Hunnen selbst waren in jener Zeit noch nicht einmal an die römischen Grenzen vorgestoßen. Und auch über die tatsächliche Bedrohung der zivilisierten, sprich römischen Welt durch die Hunnen klärt Schmauder auf. Die Hunnen waren ein stabilisierender Faktor für das Imperium.

Die Hunnen als Völkerkonföderation

Im Grunde ist das Buch „Die Hunnen“ gar kein Buch über die Hunnen. Es ist vielmehr ein Werk über die hochkomplexen politisch- kulturellen Prozesse des römischen Europa des 3. bis 6. Jahrhunderts, die in Zusammenhang mit der Völkerwanderung stehen, die durch die Expansion der -als Hunnen bezeichneten- Vielvölkerkonföderation aus den asiatischen Steppen entstanden war. Dabei bildet die Suche nach Spuren zu Herkunft, Sprache, Kultur, Sitten und Gebräuchen der als Hunnen bezeichneten Reiternomaden durchaus einen Schwerpunkt. Gerade bei der Spurensuche aber wird klar, dass die Hunnen als Volk kaum fassbar sind, und sich eher durch die Auswirkungen ihrer Existenz und ihres Handelns, denn durch ihre klar zuordenbaren materiellen und kulturellen Hinterlassenschaften bemerkbar gemacht haben.

Die Hunnen, archäologisch nicht zu fassen

Allein die Untersuchung der hunnischen Sprache macht das Problem der positiven Identifizierung der Hunnen, das sich durch das ganze Buch „Die Hunnen“ zieht, deutlich. Das Hunnische, so zitiert Schmauder den Wissenschaftler Gerhard Schramm, „Keine heute noch existierende Sprache setzt . . . das Hunnische fort oder steht mit ihm in einem nur irgendwie zu erhärtenden Verwandtschaftsverhältnis. Das bedeutet dass „ . . . das Hunnische . . . dabei ein nur negativ definierbarer Begriff“ ist.

Im Klartext: wir wissen zwar nicht wer oder was die Hunnen waren, wir wissen aber, was sie nicht waren. Und das ist auch der Grund, warum das Buch „Die Hunnen“ eben keine konzentrierte Abhandlung über eben dieses spezielle Volk der Reiternomaden, sondern eine detaillierte Beschreibung der geschichtlichen Ereignisse und ihrer zahlreichen Akteure der Zeit, in der die Existenz der Hunnen, ihrer Führer und die Auswirkungen ihrer Expansion durch Quellen belegt ist. Und selbstverständlich geht Schmauder auch auf die gerade einmal rund 20-jährige Episode des großen Attila ein.

Etzel und die Nibelungen

Das Buch „Die Hunnen“ dürfte zunächst also nicht den Erwartungen vieler Leser entsprechen. Hat man aber erst einmal verstanden, wie Schmauder an das Thema herangegangen ist, strotzt dieses mit zahlreichen Abbildungen gut ausgestattete Buch nur so von Erkenntnissen und Aha-Erlebnissen. Man lässt die bisherigen Vorstellungen über die Hunnen und die Geschichte ihrer Zeit einfach zurück, um sich mit dem Thema noch einmal neu zu beschäftigen. Hilfreich dabei auch immer wieder die in die Kapitel eingestreuten Exkurse, beispielsweise über die Skythen, über die spätrömische Armee oder über Etzel und die Nibelungen.

„Die Hunnen – ein Reitervolk in Europa“ ist ein sehr lesenswertes Buch, vor allem deshalb, weil man nicht nur etwas über die Reiternomadischen Steppenvölker, sondern auch etwas über die Geschichte, ihre Quellen, methodische Probleme, Erkenntnismöglichkeiten und –grenzen erfährt.
Michael Schmauder: Die Hunnen – Ein Reitervolk in Europa. Primus 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 168 Seiten.

 

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