Arminius und der Untergang des Varus

In ihrer langen Geschichte hatten die Römer zahlreiche Schlachten verloren. Keines dieser Einzelereignisse hatte die Römer von der Durchsetzung ihrer Pläne abhalten können. Auch die vernichtende Niederlage der Römischen Legionen in der Varussschlacht war ungeachtet der zeitgenössischen und historischen Bewertung nur eine von vielen militärischen Katastrophen Roms, wie Dreyer in „Arminius und der Untergang des Varus darstellt.

Dreyer_ArminiusVarushistProf. Dr. Boris Dreyer beschreibt in seinem Buch „Arminius und der Untergang des Varus“ die historischen und politischen Entwicklungslinien, die zu der vernichtenden Niederlage der römischen Legionen im rechtsrheinischen Germanien führten. Das beginnt bei den traumatischen Kimbern- und Teutoneneinfällen und hört bei den Machtambitionen des Julius Gaius Cäsar und seinen gallischen Kriegen oder den politischen Interessen und Notwendigkeiten des Augustus nicht auf. Dreyer macht deutlich, welche unterschiedlichen objektiven und subjektiven Faktoren und Überlegungen bei den Römern zu politischen und militärischen Entscheidungen mit mehr oder weniger gravierenden historischen Konsequenzen führten.

Der von Arminius so professionell geführte Germanenaufstand war ebenso ein Ergebnis römischer Politik und Gesellschaftsstrukturen wie die Niederlage des Varus im Jahre 9, die, wie Dreyer plausibel darstellt, ein Glied in einer ganzen Kette von Ereignissen war, die das römische Reich seit dem Sieg der Kimbern bei Arausio 105 vor unserer Zeit bis zum Baubeginn des Limes im Jahr 83 in seinem Handeln gegenüber den Barbaren bestimmt hatte.

Die politischen Hintergründe der Varusschlacht

Für seine politischen, militärischen und historischen Analysen bemüht Dreyer nicht nur die Werke Cäsars oder die zeitgenössischen Geschichtsschreiber wie Tacitus, Dio Cassius, Ovid oder Strabo, sondern er legt auch die neuesten archäologischen Erkenntnisse zugrunde. Zudem werden die Ereignisse und Interessenkonflikte der Handelnden nur vor dem Hintergrund der Entwicklung der römischen Herrschaftsstrukturen verständlich. Daher findet sich im Anhang des Buches „Arminius und der Untergang des Varus“ ein ausführlicher Schaubilderteil. Hier wird übersichtlich die geografisch- militärische Organisationsstruktur des Reiches unter Augustus 14 nach Christus, der weit verzweigte Stammbaum des iulisch- claudianischen Kaiserhauses, der administrative Aufbau des Kaiserreiches im frühen Prinzipat oder die Entwicklung der persönlichen beziehungsweise rechtlichen Stellung des Augustus, dargestellt.

Zusammen mit der Zeittafel und dem Glossar bilden die Schautafeln den für das Verständnis der Ausführungen Dreyers notwendigen Hintergrund, der zudem durch die zahlreichen Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln ergänzt wird. Der Leser wird also bei der Lektüre von „Arminius und der Untergang des Varus“ nicht allein gelassen, muß aber je nach Vorkenntnissen gelegentlich kräftig hin- und herblättern, um bestimmte Zusammenhänge in ihrer vollen Bedeutung nachvollziehen zu können.

Augustus, Varus und Germanicus im Spannungsfeld der Politik

Dreyer lässt den Leser auch an der Bewertung der historischen Quellen teilhaben. Denn die richtige Interpretation der Geschichtsschreiber setzt auch die Kenntnis ihrer persönlichen politischen Interessen und Parteinahmen voraus. Schließlich finden unterschiedliche außenpolitische Strategien und innenpolitische Motivationen verschiedener Herrscher und Feldherren wie Augustus, Tiberius, Drusus, Varus, Arminius oder Germanicus beispielsweise auch bei den Geschichtsschreibern ihre jeweiligen Anhänger. Insofern sind die im Buch aufgeführten Zitate der Geschichtsschreiber im Lichte jeweils objektiv nachvollziehbarer Ereignisse recht aufschlussreich, irritieren aber spätestens dann, wenn sie in verschiedenen Zusammenhängen in unterschiedlichen Abschnitten ebenso wie einzelne Textpassagen des Buches wörtlich wieder auftauchen. An der einen oder anderen Stelle hätte ein Verweis sicherlich ausgereicht.

Ansonsten bietet das Buch „Arminius und der Untergang des Varus“ viele interessante Informationen und Denkansätze, die in dieser Form bislang sicherlich noch nicht veröffentlicht worden sind. Dreyer raisoniert hier nicht in erster Linie über militärische Fragen, Genialitäten oder Unvermögen von Heerführern bei einer bestimmten Schlacht. Er beschreibt und analysiert einen vieldimensionalen komplexen historischen Prozess, der sich über mehr als drei Jahrhunderte erstreckt. Die Varusschlacht steht dabei als Ergebnis und als Ausgangspunkt im Schnittpunkt der verschiedenen Entwicklungsstränge. Ein hervorragender Ansatz, der auch die seit rund 500 Jahren stattfindende Heroisierung des Cheruskerfürsten einer objektiveren Bewertung zugänglich macht.

Boris Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus – Warum die Germanen keine Römer wurden. Klett- Cotta 2009. Gebunden mit Schutzumschlag, 317 Seiten.

 

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