Die Archäologie von Hattuscha

Die Gefäße, die zwischen Juni und September 2008 im Rahmen der 69. Grabungskampagne des Deutschen archäologischen Instituts in Hattuscha gefunden wurden, sind für die Archäologen ein Ansatzpunkt für weitere Forschungen und Erkenntnisse über die Hethiter.

Dabei könnte man meinen, dass beim Umfang der bisherigen Grabungen und Rekonstruktionen in der hethitischen Hauptstadt kaum noch etwas Überraschendes zu Tage kommen könnte.

Die Stadtanlage von Hattuscha, das etwa 150 Kilometer östlich von Ankara in Zentralanatolien, nahe dem Dorf Bogazkale liegt,  umfasst immerhin einen Bereich von etwa 2 mal 1 Kilometer. Bereits im 6. Jahrtausend vor unserer Zeit war der Ort erstmals besiedelt. Ende des 3. Jahrtausends ist hier ein frühbronzezeitlicher Fürstensitz nachgewiesen und im 19. bis 18. Jahrhundert fand sich zudem der Standort einer assyrischen Handelskolonie.

Seit dem späten 17. Jahrhundert bis etwa um 1200 vor Christus war hier die Hauptstadt und Residenz der hethitischen Großkönige.

Auch nach dem Untergang des Hethiterreiches wurde der Ort immer wieder besiedelt.

Das vergessene Reich der Hethiter

Ohne es zu wissen, hatte schon 1834 der Forscher Charles Félix-Marie Textier die hethitische Hauptstadt bei dem Dorf Bogazkale entdeckt. Er hielt die kilometerlangen Stadtmauern die gewaltigen Tore, darunter das berühmte Löwentor, und die riesige Tempelanlage vor der Stadt für die Überreste des römischen Tavium.

Nach der Hauptstadt der Hethiter suchte zu jener Zeit in jener Gegend ohnehin niemand, denn das gesamte Wissen über das indoeuropäische Volk lässt sich mit dem Text aus „Meyers Neues Konversationelexikon“ von 1871 zusammenfassen: „Kanaanitische Völkerschaft, welche die Israeliten in Palästina antrafen, wohnte in der Gegend von Hebron unter und neben den Amoritern, später weiter nördlich in der Gegend von Bethel und wurden von Salomo dienstpflichtig gemacht; doch gab es noch später einen unabhängigen, monarchisch regierten hethitischen Stamm nach Syrien hin.“

Die Neuentdeckung der Hethiter

Erst ab 1887, als das größte und wichtigste Tontafelarchiv Ägyptens, die sogenannten Armarna- Briefe gefunden und ausgewertet wurde, entwickelte sich nach und nach ein neues Bild der Hethiter als vorderasiatische Großmacht, die sogar die Ägypter und Babylonier fürchten mussten.

In den Jahren 1906 bis 1912 erfolgten schließlich erste umfassende Bestandsaufnahmen des Geländes von Hattuscha und mit der Auffindung größerer Keilschriftansammlungen auch die Entdeckung der hethitischen Sprache. Seit 1931 betreibt nun das Deutsche Archäologische Institut kontinuierliche Grabungen. Dabei wurde bislang die Palastanlage und Teile der Unterstadtsiedlung vollständig freigelegt. Im Bereich der Oberstadt sind 30 Tempelgebäude und andere offizielle Bauwerke identifiziert worden. Und das Studium der bislang etwa 30.000 aufgefundenen Keilschrifttafeln hat zur Herausbildung des philologischen Fachgebietes Hethitologie geführt.

Hattuscha, Hauptstadt der Hethiter

Dass Die hethitische Hauptstadt ein recht komplexes Gebilde war, zeigt sich schon an den einzelnen Grabungskampagnen. So wurden 1977 bis 1993 umfangreiche Ausgrabungen im Bereich der zentralen und östlichen Oberstadt mit ihren Tempelanlagen durchgeführt. 1993 bis 1998 erforschte man die Siedlungsgeschichte des Höhenrückens von Büyükkaya im Nordosten des Stadtgebietes, bei der sich herausstellte, dass dieser bereits früh in die Stadtanlage mit einbezogen gewesen war.

1999 bis 2000 untersuchten die Wissenschaftler einen Getreidesilokomplex in der Unterstadt. Was zunächst nicht gerade spektakulär klingt, erwies sich am Ende jedoch als sehr beeindruckend. Der Silokomplex Hattuschas, der bereits im 16. Jahrhundert vor unserer Zeit, also in der Frühzeit der hethitischen Stadtgeschichte angelegt worden war, hatte eine Ausdehnung von der Länge und der halben Breite eines Fußballfeldes. 7000 bis 9000 Kubikmeter Getreide, wohl überwiegend Gerste, konnten hier eingelagert werden, eine Menge, die dem jährlichen Bedarf von 20.000 bis 30.000 Menschen entspricht.

Die Hethitische Lehmziegelmauer

Mit der Untersuchung von fünf künstlichen hethitischen Wasserbecken in der Oberstadt beschäftigten sich die Forscher von 2000 bis 2001. Bis 2005 folgten dann die Grabungskampagnen in der westlichen Oberstadt, in der unter anderem Werkstätten zur Metallverarbeitung gefunden wurden.

2005 wurde die Rekonstruktion eines 65 Meter langen Teilstücks der hethitischen Lehmziegelmauer abgeschlossen. Die alten und neuen Mauern umschlossen am Ende übrigens ein Areal von gut 180 Hektar.

Sensationelle Gefäßfunde in Hattuscha

Mit dem sensationellen Fund der Gefäße in Hattuscha in einem Gebäude an der Schnittstelle zwischen zwei Stadtbereichen, dürfte nun die Grundlage für weitere Forschungsprojekte gelegt sein. Denn es handelt sich um ein vollständiges Gefäßensemble mit über 70 Schalen und Tellern sowie zwei Vasen, für die es bislang keine vergleichbaren Objekte in der hethitischen Kultur gibt. Während die eine Vase mit geschwungener Wandung und vier Henkeln bereits in Form kleiner Fragmente entsprechender Gefäße des öfteren in Hattuscha gefunden worden waren, ist das zweite Gefäß mit der hohen, schlanken Form und dem Stierkopf als Ausguss, bislang einzigartig. Die Gefäße, so glauben die Wissenschaftler, weisen nicht nur auf eine zeremonielle Nutzung hin, sondern lassen vermuten, dass das Gebäude, in dem die Keramik gefunden wurde, von einer sehr hoch gestellten Persönlichkeit der hethitischen Gesellschaft genutzt worden war.

 

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