Ursprünge der Seidenstraße

Schon der Name Seidenstraße lässt an luxuriöse Güter, an Karawanen, an die mörderische Taklamakan, an Romantik und Abenteuer, Entbehrungen und gewaltige Handelsgewinne, an Exotik und natürlich das ferne China denken.

SeidenstraßeAll diese Gedanken sind nicht falsch, stellen aber, wie der Begleitband zur Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ zeigt, nur einen Teil und dazu noch einen recht Verklärten des Phänomens Seidenstraße dar.

Das Buch „Ursprünge der Seidenstraße“ vertieft die Informationen der vom Reiss- Engelhorn- Museum in Mannheim konzipierten Ausstellung durch faszinierende Beiträge internationaler Fachleute, die nicht nur die neuesten Erkenntnisse der vorbuddhistischen Seidenstraßenforschung präsentieren. Bereits die Konzentration auf die vorbuddhistische Zeit, also den Zeitraum vom 2. Jahrtausend vor unserer Zeit bis etwa das 6. Jahrhundert nach Christus war bei der Beschäftigung mit der Seidenstraße bislang relativ ungewöhnlich. Erst als es ab dem Ende des 2. Jahrtausends auch politisch möglich wurde, an einem der wichtigsten Knotenpunkte der sogenannten Seidenstraße, nämlich im Tarimbecken in der Region Xinjiang in internationaler Kooperation zu forschen, präsentierte sich den Fachleuten eine archäologische Sensation nach der anderen.

Am Rande der Taklamakan

Der legendäre aber eben erst seit den neunziger Jahren des 2. Jahrtausends systematisch erforschte Teil der Seidenstraße, die hier am Rande der unwirtlichen Taklamakan verläuft, liegt in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang der Volksrepublik China. Das südchinesische Xinjiang, in dessen Norden Kasachstan, Russland und die Mongolei liegt, das westlich von Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan begrenz wird, stößt im Süden an Indien und Tibet, eine wahrlich zentrale Lage zwischen Asien und Europa.

Sensationelle Artefakte aus der Bronzezeit

Die Erkenntnisse der Forscher sind, wie das Buch zu den Ursprüngen der Seidenstraße zeigt, sehr vielschichtig. Grabungen, Pollenanalysen und andere wissenschaftliche Untersuchungen in der Region haben gezeigt, dass sich die klimatischen Bedingungen immer wieder gravierend verändert hatten. Vereinfacht betrachtet ergibt sich daraus auch, dass die sogenannte Seidenstraße eben keine Straße, sondern ein weit verzweigtes Wegenetz ist, an dessen Knotenpunkten sich spätestens seit der Eisenzeit florierende Handelsorte entwickelt hatten. Die klimatischen Bedingungen sind es auch, die in bestimmten Regionen die sensationellen, unglaublich gut erhaltenen Artefakte bereits aus der Bronzezeit konserviert haben.

Die Seidenstraße und der Kulturtransfer

Die Interpretation der sensationellen Neufunde, die im Buch „Ursprünge der Seidenstraße“ sehr anschaulich sowohl in Zusammenhang mit den inhaltlichen Kapiteln, als auch im Kontext ihrer Fundorte im Katalogteil präsentiert werden bringt ein ganzes Bündel von Überraschungen. So stellte sich beispielsweise heraus, dass der europäisch geprägte Begriff Seidenstraße, also die interkontinentale Straße zum Transport von hochwertigen Luxusgütern aus China nach Europa, wesentlich zu kurz greift. Die Autoren belegen, dass die Bedeutung der Interkontinentalverbindung im gegenseitigen Kulturaustausch zwischen Europa und Asien, insbesondere China lag.

Region Xinjiang als Schmelztiegel der Kulturen

Bis in die Bronzezeit lässt sich der Globalisierungsprozess zurückverfolgen, der gerade an den untersuchten Stationen der Seidenstraße zu einer geradezu unüberschaubaren Kultur- und Völkervielfalt mit eigenen Kulturtechniken und vielfältigem Kulturtransfer, nachweisbar vor allem bei der Textilverarbeitung, geführt hatte. Die Erkenntnisse, dass es eine deutliche Beeinflussung Chinas durch westliche, unter anderem auch indoeuropäische Kulturen gegeben hatte, dass die Römer wohl besser über China bescheid wussten als es umgekehrt der Fall war und dass Tuche aus Xinjiang in China mindestens ebenso begehrt waren, wie chinesische Seide in Europa, zeichnen ein ganz neues Bild nicht nur der Region, sondern auch der Geschichte insgesamt. „Ursprünge der Seidenstraße“ zeigt, dass Luxusprodukte wohl etwas waren, das die sogenannte Seidenstraße am wenigsten geprägt haben dürfte.

Bootssärge, Paddel und Mumien

Überraschungen bringen die Neufunde aus Xinjiang nicht nur in Bezug auf die historische Neubewertung der Beziehungen zwischen China und dem Westen. Es ist ebenso faszinierend, die Einzelfunde im Kataloganhang zu studieren. Als eines von vielen Beispielen seien hier nur die etwa 4000 Jahre alten Gräber mit ihren Bootssärgen, den aufgestellten Paddeln und den gut erhaltenen Mumien genannt, gefunden 60 Kilometer tief in der Wüste Lop, nahe eines ausgetrockneten Sees. Auch dies ist ebenso ein Beleg für die klimatischen und Vegetationsschwankungen wie die Tatsache, dass der Name der mörderischen Taklamakan soviel bedeutet wie „Heimat der Pappeln“ oder „Großes Pappelland“.

Archäologie in Südchina

Während die Kapitel des umfangreich illustrierten Buches „Ursprünge der Seidenstraße“ dem Leser einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Archäologie und Geschichte der klimatisch sehr anspruchsvollen und wechselhaften Region verschafft, wird im Katalogteil jeder einzelne Ausgrabungsort unter den Aspekten Lage, Geschichte, Datierung und Funde vorgestellt. Kleine Karten als Ausschnitte der dem Katalogteil vorgeschalteten Übersichtskarte des gesamten untersuchten Gebietes, erleichtern die regionale Zuordnung der einzelnen Grabungsstätten erheblich. Ein Konzept, das man sich auch in anderen Katalogen und archäologischen Sachbüchern wünschen würde.

Alfred Wieczorek, Christoph Lind, (Hrsg.): Ursprünge der Seitenstraße. Theiss 2007. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten.

 

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