Verschollen mit der Victory: Sir John Balchin

Mit der Entdeckung der Victory, aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts kommt nun auch wieder Admiral Sir John Balchin zu seiner verdienten Anerkennung.

John_Blachen60 Jahre stand Sir John Balchin bereits im Dienst der englischen Marine, als er 1744 mit der Victory, dem damals größten und modernsten Kriegsschiff der Welt, in einem Sturm im englischen Kanal unterging. Niemand überlebte die Katastrophe und bald wurden auch Zweifel an der Kompetenz des zwar verdienten und hochangesehenen aber auch alten Seeoffiziers und seiner Offiziere laut. Wer aber war dieser Mann, der zumindest bei uns im öffentlichen Bewusstsein von Admiral Lord Nelson und seiner HMS Victory weit in den Hintergrund gedrängt worden ist?

Immerhin, John Balchins Abstammung lässt sich wohl bis in das 12. Jahrhundert zurückverfolgen, sein Geburtstag ist wegen der gregorianischen Kalenderreform von 1752 ein wenig umstritten. Heute geht man vom Jahr 1670 aus. Geboren und Aufgewachsen war John Balchin beim Ort Godalming, an der Straße von London nach  Portsmouth, dem britischen Flottenstützpunkt.

John Balchin in Westindien

Im Alter von 15 oder 16 Jahren, für damalige Verhältnisse relativ spät, startete Balchin wohl 1685 seine Karriere als Fähnrich, also Offiziersanwärter. Während in England auf den Tod von Charles II die kurze Regierungszeit von James II von 1685 bis 1688 und schließlich die sogenannte glorreiche Revolution von William und Mary mit der Einrichtung der konstitutionellen Monarchie folgte, übte John Balchin seinen Dienst in Westindien aus. Offensichtlich hatte er sich dort bewährt. Denn 1692 diente er als Leutnant auf der Dragon, später auf der Cambridge und schon 1697 erhielt Balchin von Admiral Neville das Kommando über die vom Gegner gekaperte Prise Virgin und damit auch den Kapitänsrang.

Balchins erste Seeschlachten

Knapp zwei Jahre blieb Balchin Kapitän der Virgin, bis 1698 aufgrund der Kriegsmüdigkeit Englands und Frankreichs die Flotten reduziert und Kapitän Balchin ausgemustert wurde. 18 Monate später war er wieder in Dienst.

Denn der Friede war nur vorübergehend. 1701 führte der spanische Erbfolgekrieg die europäischen Nationen wieder gegeneinander ins Feld. In der folgenden Zeit war Balchin in zahlreiche Kampagnen und Kriegshandlungen verwickelt und erhielt Kommandos über immer größere Schiffe. Ab 1704 befehligte er mit der Chester immerhin ein 50 Kanonen- Schiff, mit dem er zunächst in Westafrika, schließlich in der Kanalflotte diente. 1704 war es übrigens, als die vereinte Holländisch-Britische Flotte unter dem Kommando des britischen Admirals Sir George Rooke Gibraltar eroberte. Balchin war da aber bereits auf dem Weg nach Westafrika.

John Balchin in Kriegsgefangenschaft

Recht glücklich verlief die weitere Karriere des immerhin schon 37 jährigen Kapitäns erst einmal nicht. 1707 wurde Balchins kleine Schwadron von drei Schiffen, die einen britischen Convoy schützen sollte von einer französischen Übermacht von 14 Schiffen. Angegriffen. Die Handelsschiffe konnten entkommen, aber Balchins 50-Kanonen-Chester wurde zur französischen Prise und Balchin selbst Kriegsgefangener.

Knapp ein Jahr später kehrte Balchin nach England zurück, wurde vom Kriegsgericht entlastet und erhielt das Kommando über das 60 Kanonen- Schiff Glouchester. 1709 wurde auch dieses
Schiff zur französischen Prise, Balchin geriet wieder in Gefangenschaft, wurde nach seiner Rückkehr entlastet mit weiteren Kommandos als Kanalpatroullie, zur Piratenbekämpfung in Westindien und mit dem Dienst im Mittelmeer betraut.

Admiral Sir John Balchin

Im Mittelmeer unter Admiral Sir George Byng nahm Balchin 1718 an einer Seeschlacht teil, bei der 22 spanische Schiffe entweder gekapert oder zerstört worden waren. Die Berichte melden, das Balchin hierbei eine hervorragende Rolle gespielt hatte.

Die folgenden 10 Jahre hatte Balchin das Kommando auf dem 70-Kanonen–Schiff Monmouth.

1728 erfuhr Balchins Karriere einen rasanten Aufschwung. Zunächst Konteradmiral dritten Ranges, 1732 bereits Konteradmiral ersten Ranges. 1734 Vizeadmiral dritten, 1735 schon Vizeadmiral ersten Ranges. Und 1743 schließlich mit stolzen 73 Jahren wurde er nicht nur zum Admiral dritten Ranges ernannt, sondern wurde wenige Monate später zur Ritter geschlagen und als Admiral Sir John Balchin mit dem Posten des Leiters des Marinehospitals in Greenwich betraut.

Sir John Balchin und die Victory

Als aber 1744 die Flotte Admiral Charles Hardy von den Franzosen vor der portugiesischen Küste bei Tagus blockiert wurde, wurde Sir John Balchin noch einmal reaktiviert. Mit einer Flotte von 14 Linienschiffen, geführt von seinem gerade einmal sieben Jahre alten gewaltigen 110-Kanonen-Flaggschiff Victory, eilte der greise Admiral seinem Kollegen zu Hilfe, befreite ihn kurzerhand aus der französichen Blockade, und segelte schnell weiter, um die Garnison von Gibraltar zu verstärken.
Am 28. September entschloss sich Sir Balchin nach England zurückzukehren, erreichte am 30. die Biskaya und segelte am 3. Oktober in einen gewaltigen Sturm, der die Flotte auseiandertrieb.
Alle Schiffe von Baldwins Flotte erreichten in den folgenden Tagen einen sicheren Hafen. Die Victory und mit ihr der Admiral und mehr als 1100 Offiziere und Mannschaften aber waren das letzte mal am 4. Oktober des Jahres 1744 gesehen worden.

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte

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