Die Victory von Admiral Balchin

Über 260 Jahre hatte das einst mächtigste Schiff der Royal Navy, die Victory, auf dem Grunde des Meeres gelegen, bevor sie von Meeresforschern 2008 entdeckt worden war.

494px-HMS_Victory_sinkingFür das Publikum war die Meldung, dass das berühmte Flaggschiff, die HMS Victory, von einer amerikanischen Meeresforschungsgesellschaft kürzlich auf dem Meeresboden entdeckt worden war, recht verwirrend. Viele glauben nämlich zu wissen, dass die HMS Victory des Admiral Lord Nelson aus dem 18. Jahrhundert, seit Jahr und Tag im sicheren Trockendock im Portsmouth als Touristenattraktion liegt. Und natürlich haben sie Recht.

Die Victory, das modernste Schiff seiner Zeit

Das Schiff, das irgendwo im englischen Kanal im Schlick vergraben liegt, ist die Victory des Admiral Balchin, die unter anderem vor dem Hintergrund ihrer sagenhaften Nachfolgerin, der HMS Victory des Lord Nelson und der Trafalgarschlacht, nach ihrem mysteriösen Untergang im Jahre 1744 nahezu in Vergessenheit geraten ist.

Völlig zu Unrecht übrigens, denn während Nelsons 1765 vom Stapel gelaufene HMS Victory bei Trafalgar bereits ein überalterter Veteran mit rund 40 Dienstjahren auf dem Buckel war, stellte die Victory, die zwischen 1726 und 1737 gebaut wurde, das Größte und technologisch fortschrittlichste Kriegsschiff der Welt dar.

Admiral Balchin 1744 mit seinem Flaggschiff Victory verschollen

Als die Victory am 5. Oktober 1744 in einem Sturm mit sämtlichen Besatzungsmitgliedern und dem Admiral Sir John Balchin verschollen ging, war dies ein Schock für England. Denn einerseits hatte die Royal Navy ihr eindrucksvollstes, modernstes und stärkstes Schiff verloren und andererseits mit Admiral Balchin einen der fähigsten und angesehensten Offiziere. Dass übrigens bereits 1744 das Holz für die HMS Victory geschlagen wurde, die schließlich als Nelsons Flaggschiff Berühmtheit erlagen sollte, hat mit dem Untergang ihrer Vorgängerin nichts zu tun.

Die Galerie der Victory

Natürlich fällt die Unterscheidung der beiden Linienschiffe 1. Ranges auf den ersten Blick schwer. Beides waren sogenannte Dreidecker, also Schiffe mit drei Kanonendecks, Beide Schiffe verfügten über mehr als 100 schwere und schwerste Geschütze und beide Schiffe hatten über die Breite des Hecks reichende Balkone, sogenannte Galerien, für Kapitän und Offiziere. Und nicht zuletzt hatten beide Schiffe sehr ähnliche Ausmaße.

Bei Nelsons HMS Victory war die zunächst offene Galerie übrigens bereits Standard, bei der Victory, also Balchins Schiff eine Novität. Und damit wären wir auch schon bei den Unterschieden.

Bewaffnung der Victory: Bronzegeschütze aus aller Herren Länder

Der erste Unterschied besteht in der Bezeichnung HMS, also Her oder His Majesty Ship. Diese wurde erst 1789 als Bezeichnung für englische Kriegsschiffe üblich. Somit heißt Balchins Flaggschiff Victory und Nelsons Flaggschiff HMS Victory.

Die Victory führte ausschließlich bronzene Geschütze an Bord, die HMS Victory war hingegen auch mit eisernen Kanonen ausgestattet, die sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts schließlich durchsetzten. Interessant bei der Bestückung der Victory ist, dass man hier noch ganz in der Art des 17. und frühen 18. Jahrhunderts Geschütze unterschiedlichster Herkunft einsetzte. So finden sich auf der Victory die archäologisch gesehen einzigartigen 42 Pfünder mit den Wappen der Könige Georg I und Georg II, aber wahrscheinlich auch spanische, englische und holländische Geschütze.

Barockschiff Victory

Äußerlich gibt es zwischen den beiden Schiffen sehr deutliche Unterscheidungsmerkmale. Das 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zeichnete sich nämlich durch eine erhebliche Zunahme von dekorativen Schnitzereien an 1.Klasse Linienschiffen aus. Irgendwann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Admiralität die prächtigen Schnitzereien schließlich auf Bug und Heckgalerie beschränkt und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen auch die Linienschiffe einer sachlicheren Ästhetik zu folgen. Während also vor allem das Heck der Victory noch mit zahlreichen barocken Schnitzereien beinahe überladen war, zeigt sich das Heck insbesondere der HMS Victory der Trafalgarschlacht schon sehr schlicht.

Modell der Victory

Bei genauerem Hinsehen kann man die beiden Victories also durchaus unterscheiden. Die Victory war mit ihren rund 53 Metern Länge und knapp 2000 Tonnen Wasserverdrängung zwar fast so groß wie Nelsons Flaggschiff. Ein Modell der Victory im National Maritime Museum in Greenwich mit dem ungewöhnlichen Maßstab 1 : 32, lässt aber erahnen, wie viel prächtiger dieses reich verzierte Schiff im Original ausgesehen haben mag. Natürlich gibt es auch Gemälde zeitgenössischer Künstler, die das stolze Schiff portraitieren. Das Modell, das zwischen 1740 und 1744 von Mitarbeitern der Woolwich und Deptford Werften für die Admiralität hergestellt worden war, darf aber sicher als die authentischste Darstellung des Schiffes gelten.

Pläne der Victory in Schweden

Informationen über die Konstruktion der Victory gibt es übrigens auch an anderer, recht ungewöhnlicher Stelle, nämlich im Stockholmer Schifffahrtsmuseum. Hier finden sich Dokumente des internationalen Wissenschaftlers und Schiffsbauers Frederik Henrik Chapman, der bei seinen Schiffsbau- und Konstruktionsstudien in Frankreich, Deutschland, Dänemark, England und den Niederlanden auch die Victory ausgiebig untersucht und dokumentiert hatte.

 

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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte, Unterwasserarchäologie

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