Göbekli Tepe, das Heiligtum der Steinzeitjäger

Die Archäologie auf dem Gebiet der heutigen Türkei, war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vernachlässigt worden. Schließlich machte man lange Zeit die Ursprünge der Zivilisation, die ersten Städte, die Wiege der Kultur, in Mesopotamien aus.

TempelMit der Entdeckung von Jericho, das älter als alle Städte in Mesopotamien war, begann in der Archäologie ein Umdenken, wie der Archäologe Klaus Schmidt in dem Buch „Sie bauten die ersten Tempel“ darstellt.

Nicht nur anhand der archäologischen Jericho-Geschichte zeigt Schmidt auf, wie sehr die Interpretation archäologischer Funde von persönlichen Neigungen und Zielen der Ausgräber abhängig ist. Denn gerade die Archäologie im Lande der Bibel hatte oft das Ziel, die Richtigkeit der biblischen Angaben zu beweisen. Umgekehrt diente oft genug die Bibel als Interpretationshilfe archäologischer Funde. Und wie Schmidt im Kapitel der Jericho- Schock sehr anschaulich beschreibt, führt dies nicht nur zur Fehlinterpretation des konkreten Fundes, sondern zur Entwicklung grundlegender historischer Fehleinschätzungen und damit auch zu irreführenden Forschungsansätzen.

Catal Höyük, Nevali Cori und Göbekli Tepe

Zentrales Thema des Buches „Sie bauten die ersten Tempel“ ist das erst seit 1995 ausgegrabene Göbekli Tepe in der südöstlichen Türkei, an dessen Grabungen der Autor selbst beteiligt war. Trotzdem Führt Schmidt den Leser zunächst in einer umfassenden Exkursion an die Schauplätze anderer bedeutender Ausgrabungsstätten, wie beispielsweise Catal Höyük, Cayönü, Nevali Cori und Gürcütepe. Einerseits stellten diese Orte bereits für sich jeweils archäologische Sensationen dar, denn sie belegen, dass bereits zwischen dem 10. und  8. Jahrtausend vor unserer Zeit der Übergang von der Jäger-Sammler- Kultur zu sesshaften Ackerbaugesellschaften stattgefunden hatte. Auf der anderen Seite belegen die Orte diesen Prozess dort, wo ihn bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch niemand erwartet hatte.

Die ganze Exkursion, bei der dem Leser die Funde und Erkenntnisse vermittelt werden, die jeweils zu Veränderungen alter Geschichtsauffassungen führten, bringt den Leser schließlich an den Ort der jüngsten Sensation, Göbekli Tepe.

Göbekli Tepe, so wird bei der Beschreibung der Ausgrabungen und Funde schnell deutlich ist nicht etwa eines neuentdecktes, größeres oder älteres Catal Höryük. Göbekli Tepe ist eine zentrale Kultstätte des Neolithikums, die offensichtlich ein wichtiger Baustein für das Verständnis des Überganges zur Sesshaftwerdung ist.

Auch wenn Interpretationen über die Bedeutung der Anlage und der zahlreichen Bildnisse derzeit eher Spekulation sind, so ist eines schon heute klar: das hier gefundene Heiligtum ist Jahrtausende älter als Stonehenge oder die Tempelanlagen auf Malta.

Die ersten Tempel in Göbekli Tepe

Die Menschen von Göbekli Tepe, so der aktuelle Forschungsstand, bauten die ersten Tempel. Und Klaus Schmidt stellt dem Leser diese im Rahmen eines ausführlichen Grabungssberichtes in allen spannenden Einzelheiten vor. Denn das Buch „Sie bauten die ersten Tempel“ ist letztendlich ein verständlich geschriebener archäologischer Grabungsbericht. Wissenschaftliche Begriffe werden von Schmidt locker erklärt oder übersetzt. Und man muss nicht zurückblättern, wenn ein einmal verwendeter und erklärter Fachbegriff ein Zweites mal auftaucht. Die Schlüsselbegriffe werden immer wieder erklärt, der Autor ist sich seiner interessierten Laienleserschaft durchaus bewusst.

Schmidt, der heute als Referent für Prähistorische Archäologie Vorderasiens in der Orient- Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin arbeitet, schafft es bei aller Begeisterung immer wieder, den Leser auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. Denn allzu verlockend sind vorschnelle, phantasievolle Interpretationen des Vorgefundenen. Einige bietet Schmidt auch selbst an, um sie aber anschließend wieder in Frage zu stellen. Dem Leser wird schnell klar, dass man es (nicht nur) hier vor allem auch bei den zahlreichen Tierdarstellungen zum großen Teil mit Artefakten zu tun hat, deren Bedeutung sich wohl nie erschließen lassen werden.

Weitere Grabungen in Göbekli Tepe

Das, was sich heute schon sagen lässt, bringt Schmidt am Ende des Buches auf den Punkt: „ … die zunehmend sich zur Gewissheit verfestigende Ahnung, … nämlich dass Kult und Religion, die sich in diesen Tempeln manifestiert haben, einst gewaltige Triebfedern der Entwicklung während des Neolithikums in vorderen Orient waren, verspricht Einsichten in die Menschheitsgeschichte … welche die weitere Erforschung des heiligen Berges .. auf jeden Fall lohnen.“
Und die Erforschung geht tatsächlich weiter und der Leser steckt mittendrin. Zumindest verspricht Schmidt, dass allein aufgrund der neuen Ergebnisse der Grabungskampagnen von 2005 und 2006, wohl bald ein weiterer Band über das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger von Göbekli Tepe zu erwarten ist.

Klaus Schmidt: Sie bauten die ersten Tempel, das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe. dtv 2008. Taschenbuch, 283 Seiten.

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter 1 Frühzeit, Archäologie, Rezension

2 Antworten zu “Göbekli Tepe, das Heiligtum der Steinzeitjäger

  1. otto

    werte herren
    die ausgrabung int. mich sehr .
    warum aber die wissenschaft so zurückhaltend ist, kann ich nicht ganz nachvollziehen .
    die geometrie , ausrichtung der pfeiler ist eindeutig nach dem
    astronomischen gegebenheiten dieser gegend ausgerichtet.
    es scheint sich um einen jahreskalender zuhandeln .
    in der mitte der anlage stehen immer 2 messpfeiler je für sonne und mond.
    im äusseren rund sind pfeiler postiert die im takt von 30 tagen (mondumlauf)
    die natürlichen gegebenheiten manifestieren (kranichzug wie viele
    monde war der kranich im land des löwen) usw.
    wenn man einen pfeiler mit dieser ausrichtung und geometrie
    baut hat man nur ein ziel , man will über die variabilität des mond
    und sonnenlaufes das jahr einteilen.
    einen schönen tag noch

  2. Philip

    Interessant was otto schreibt. Auf die Frage warum die Forschung so zurückhaltend ist: Geld vermutlich. Ich glaube aus allem, was erfahrbar ist, herauszulesen, daß Herr Schmidt einfach zu wenig Mittel bekommt, um die Ausgrabungen zügig voranzutreiben. Es gibt möglicherweise auch einen Ausgrabungsstop aus Ankara, bis die deutsch-türkischen Zuständigkeiten nicht geklärt sind. Die Geheimhaltung von Ausgrabungen ist heute insgesamt sehr streng, siehe Ägypten. Vermutlich gibt es auch einen geheimen, aber nicht weniger heftigen Medienkampf um zukünftige Berichterstattungsrechte.

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