Waräger – die skandinavischen Kaufleute Osteuropas

Waräger, das ist die Bezeichnung der slawischen Völker Osteuropas für die Skandinavier. Es waren vor allem die schwedischen Wikinger, die über die Insel Gotland und den finnischen Meerbusen zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert in die Gebiete der osteuropäischen Slawen vordrangen.

Die Warägergarde, Johannes Skylitzes (12. Jahrhundert)

Die Warägergarde, Johannes Skylitzes (12. Jahrhundert)

Zunächst als Händler befuhren sie die russischen Flüsse, um schließlich das Schwarze Meer und Byzanz zu erreichen. Die Waräger waren aber auch als Krieger und Siedler bekannt. Es spricht einiges dafür, dass sie als Adelsschicht an der Gründung des Reiches der Kiewer Rus, dem Ursprung Russlands, beteiligt waren. 6000 Wikinger sandte 988 der Kiewer Großfürst Wladimir I dem byzantinischen Kaiser zur Verteidigung seines Throns. Die Warägergarde, in der auch der spätere norwegische König Harald der Harte diente, war entstanden.

Auf ihren Fahrten über die großen russischen Ströme Wolchow, Wolga, Dnepr, Don oder Düna gründeten die skandinavischen Kaufleute Stützpunkte wie Ladoga oder Nowgorod.

Stromschnellen und Runensteine

Die Flussreisen waren weder leicht noch ungefährlich. Immer wieder mussten die Schiffe über Land gezogen werden, um von einem in ein anderes Flusssystem zu gelangen. Und es gab enge und flache Passagen oder Stromschnellen. Berüchtigt war vor allem das Mündungsgebiet des Dnjepr in das Schwarze Meer. Runensteine in Schweden bezeichnen diese Flussabschnitte als „der Verschlinger“, „Wogen- Fall“ oder „der Gellende“. „Immerlaut“ wurde die Stromschnelle im Dnjepr genannt, in der der Waräger Rafn ertrunken war, dessen vier Brüder ihm auf Gotland einen Runenstein errichtet hatten.

Das Archäologische Experiment Krampmacken

Im Rahmen eines Experiments versuchte der schwedische Archäologe Erik Nyhlén die aus mittelalterlichen Chroniken bekannte Route „von den Warägern zu den Griechen“ mit einer historischen Bootsrekonstruktion nachzuvollziehen. Krampmacken wurde das Schiff genannt, das auf der Basis archäologischer Funde gebaut worden war.

Als Boot, das auch Untiefen und Stromschnellen zu bewältigen und Landtransporte zu überstehen hatte, wurde von den Forschern eine Länge von acht Metern und eine Breite von 2 Metern für den Nachbau des Wikingerschiffes gewählt. Sechs Ruder, ein Segel und 11 Mann Besatzung waren die weiteren Kenngrößen des Bootes, das 1983 und 1985 seine Expeditionsfahrten unternahm.

1983 begannen die Forscher ihre Reise in der Mündung der Weichsel in Polen und reisten bis nach Drohiczyn, einer polnischen Kleinstadt nahe der russischen Grenze. Die ursprünglich geplante klassische Route über Bug, Pripyat und Dnjepr zum Schwarzen Meer musste aufgegeben werden, weil die sowjetischen Behörden die Durchfahrt verweigerten. Bis dahin hatte die Mannschaft innerhalb von 34 Tagen bereits 581 Kilometer stromaufwärz zurückgelegt, davon rund 260 Kilometer rudernd, etwa 250 Kilometer segelnd, 21 Kilometer treidelnd und 48 Kilometer über Land.

Mit dem Wikingerschiff ins Schwarze Meer

1985 schließlich konnte die Reise auf einer neu ausgearbeiteten Route fortgeführt werden. Zunächst auf der Weichsel und dem San ging es über den Dukla- Pass durch die Karpaten. Die Theiß führte die Expedition durch Tschechoslowakien, Ungarn und Yugoslavien zur Donau. Über das Thrakische Plateau ging es dann zum Bulgarischen Baltschik, der antiken Thrakischen Hafenstadt Dionysopolis am Schwarzen Meer. Entlang der Küstenlinie ging es dann nach Süden zum Bosporus und zum Waräger-Ziel Istanbul, dem mittelalterlichen Byzanz.

Insgesamt 2726,5 Kilometer reiste das Schiff nun 1985 und das innerhalb von 131 Tagen. Davon wurden fast 2300 Kilometer auf Flüssen, gerudert, gesegelt und getreidelt. Rund 440 Kilometer musste das Schiff über Land gezogen werden, der größte Teil davon allerdings nicht wegen natürlicher Gegebenheiten, sondern wegen des damals noch existierenden eisernen Vorhangs.

Die Landfahrten der Wikingerschiffe

Die Erkenntnisse die bei dieser Forschungsreise gewonnen wurden, waren sehr praktischer Art. So hatte sich beispielweise herausgestellt, dass der Landtransport des Schiffes weniger anstrengend war, als erwartet. Über kurze Distanzen, etwa zum Umgehen eines Wasserfalls, wurde das Schiff auf mit Schafsfett eingeschmierten Bohlen gezogen. Für längere Distanzen wurde das Schiff auf eine spezielle Radkonstruktion gesetzt.

Es hatte sich weiterhin herausgestellt, dass diese Wikingerschiffe Schiffe tatsächlich allen Anforderungen dieser ganz speziellen mittelalterlichen Handelsroute gewachsen war. Krampmacken hatte nicht nur die wilden Flüsse bezwungen oder die Belastungen des Landtransportes überstanden. Es hatte auch seine Seetüchtigkeit bei der Überseefahrt von Gotland zur polnischen Weichselmündung und bei der Fahrt entlang der rauhen Schwarzmeerküste unter Beweis gestellt.

Der arabische Reisende Ibn Fadlan über die Rus und Waräger

Die Leistungen der Waräger und ihrer Fahrzeuge waren natürlich auch den Zeitgenossen nicht verborgen geblieben, viele Quellen berichten darüber. Vor allem die Aufzeichnungen des arabischen Reisenden Ahmad ibn Fadlan bilden noch heute eine der wichtigsten Quellen zu den Völkern des mittelalterlichen Osteuropa. Ibn Fadlan hatte nämlich 922  eine arabische Gesandtschaft zu den Wolgabulgaren begleitet und dabei einen ausführlichen Reisebericht verfasst, in dem er die Lebensgewohnheiten, Kultur und Religion der Bewohner der bereisten Regionen, darunter eben auch die Waräger und Rus, ausführlich und detailliert beschrieben hatte.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Archäologie, experinemtelle Archäologie, Schifffahrtsgeschichte

Eine Antwort zu “Waräger – die skandinavischen Kaufleute Osteuropas

  1. Vanalander

    Hat dies auf Vanaland rebloggt.

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