Seeräuber im Dienste politischer Machtinteressen

Derjenige, so heißt es in einer lübischen Chronik, der auf eigene Kosten und freie Beute die Reiche Dänemark und Norwegen schädigen wolle, solle sich in Rostock und Wismar einfinden, um sich Kaperbriefe ausstellen zu lassen. Hier, so das Angebot der mecklenburgischen Hansestädte, können die geraubten Waren auch verkauft werden.

Die Einbringung des Seeräuber Klaus Störtebeker in Hamburg (1401), nach einen Holzstich von Karl Gehrts, 1877, Hamburger Staatsarchiv

Die Einbringung des Seeräuber Klaus Störtebeker in Hamburg (1401), nach einen Holzstich von Karl Gehrts, 1877, Hamburger Staatsarchiv

Initiator der Rekrutierung von Schiffseignern für den Kaperkrieg war Herzog Albrecht von Mecklenburg. Der hatte auf den dänischen Thron spekuliert, war aber von Königin Margarete, die sich selbst auf den dänischen Thron gehievt hatte, schlichtweg ausgebootet worden.

Dieser Konflikt, der insgesamt recht kompliziert war und in den nicht nur Dänemark und Mecklenburg, sondern auch Schweden, Norwegen, die Hanse auf verschiedenen Seiten und sogar der Deutsche Orden verwickelt war, spielte sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ab. Um 1376 rief also das mecklenburgische Herzoghaus, das keine eigene Kriegsmarine ausrüsten konnte zum Kaperkrieg gegen seine Gegner aus.

Vitalienbrüder, die Raubritter der Meere

Schnell aber geriet der ursprünglich geplante Kaperkrieg außer Kontrolle. Denn es waren in erster Linie Tagelöhner, enttäuschte Bauern und Bürger, die dem Aufruf folgten und die, da es ja keinen Sold gab, sich den kapernden und raubenden Vitalienbrüdern anschlossen. Es war der niedere mecklenburgische Adel, der die Vitalienbrüder unterstützte, ja sogar teilweise anführte. Denn wie auf dem Lande, bot die Kaperei gerade dem verarmten niederen Adel eine neue Einkommensquelle, ähnlich den Raubrittern im Binnenland. Unter den Hauptleuten der Vitalienbrüder waren historisch belegt sogar ein dänischer Adeliger und zwei Bettelmönche aus dem Gotländischen Visby.

Die Vitalienbrüder wurden schnell zu einer unberechenbaren Größe. Das war auch kein Wunder. Denn die politische Lage in dem Machtpoker um die Vorherrschaft in der Ostsee änderte sich ständig, die Bündnispartner wechselten, und wer eben noch Freund, wurde im nächsten Moment zum Feind.

Für die Vitalienbrüder, die unabhängig von der jeweiligen politischen Wetterlage ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten, wurden zwar die Verhältnisse bald sehr einfach, die Lage aber immer komplizierter. Sie waren zu Jedermanns Feind geworden.

Vitalienbrüder, die Herren der Ostsee

Ende des 14. Jahrhunderts hatten sich die Vitalienbrüder zu einer Macht in der Ostsee entwickelt. Denn sie verfügten im bottnischen und finnischen Meerbusen über Burgen als Stützpunkte am Ende schiffbarer Meeresbuchten, die zusammen mit der von den Vitalienbrüdern besetzten Insel Gotland eine vollständige Kontrolle Seefahrtsrouten erlaubten.

Mit dem Frieden, der 1395 zwischen der Hanse, dem Deutschen Orden, Königin Margarete Mecklenburg ausgehandelt wurde, war das Schicksal der Vitalienbrüder in der Ostsee besiegelt. Ohne jede Unterstützung einer Kriegspartei verloren sie ihre Stützpunkte und wurden schließlich mit einem gewaltigen Aufgebot des Deutschen Ordens auch noch von ihrer Inselfestung Gotland vertrieben.

Vitalienbrüder im Dienste friesischer Häuptlinge

In der Nordsee hingegen schienen die Bedingungen noch relativ günstig. Durch die Handelsrouten nach England war das Seegebiet sehr attraktiv und die ostfriesischen Küstengebiete mit ihren untereinander zerstrittenen und gegen die Herrschaft der Grafen von Holland und Oldenburg kämpfenden Häuptlingen boten nicht nur sicheren Unterschlupf. Gerne ließen sich die kriegerfahrenen Vitalienbrüder von den Häuptlingen für die alltäglichen Feldzüge einsetzen, erhielten sie doch im Gegenzug Unterschlupf und Absatzmärkte.

Aber auch hier wurde der Handel durch den ständig steigenden Seeraub so geschädigt, dass sich die bislang recht zurückhaltenden Hansestädte, gedrängt vom englischen König, zur ernsthaften Bekämpfung des Seeräuberunwesens entschlossen. Der war sich nämlich durchaus im Klaren über die Ursachen des Seeräuberunwesens und drohte, den Schaden, den die Vitalienbrüder bei seinen Schiffen anrichteten, durch Beschlagnahmen im Londoner Hansekontor auszugleichen.

In mehreren Kampagnen wurden Expeditionen gegen die Seeräuber, gegen die friesischen Häuptlinge und zuletzt gegen den Seeräuberstützpunkt Helgoland unternommen. Anfang des 15. Jahrhunderts war die Bedrohung durch die Vitalienbrüder schließlich beseitigt. Die Legenden um Störtebecker sind am Ende geblieben.

Seeräuber, Helden und Verbrecher

Seeräuber hat es zu allen Zeiten gegeben, aber nur in besonderen politischen Situationen haben sie eine solche Bedeutung erlangt, wie beispielsweise die Vitalienbrüder. Seeräuber, Piraten, Freibeuter, Kaperer, auf der Basis ihrer Aktivitäten wurden Nationalstaaten aufgebaut, Kolonialreiche gegründet und Handelskriege geführt. Mal wurden sie zu Nationalhelden und Admiralen, wie im elisabethanischen England, mal zu Gouverneuren in der Karibik, mal zu Verbrechern und Terroristen. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie haben aus unterschiedlichen persönlichen Gründen im Dienste politischer Machtinteressen geraubt und gemordet.

Literaturhinweis: Dirk Meier: Seefahrer, Händler und Piraten, Thorbecke 2004.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Schifffahrtsgeschichte

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