Die Schiffshäuser der Norweger im Mittelalter

Kirche in Kinsarvik, unter dem Dach wurden Masten und Segel verstaut. Anders Beer Wilse (1865–1949)

Etwa 300 historische Schiffshäuser deren Älteste vor etwa 2000 Jahren angelegt worden sind, haben Archäologen bis zum heutigen Tag in Norwegen ausgemacht. Ihre tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher sein. Denn einerseits sind sicherlich Viele im Laufe der Jahrhunderte bis zur Unkenntlichkeit zerfallen, Andere wiederum noch gar nicht entdeckt worden.

Schiffshäuser sind nicht nur einfach Hütten zum Unterstellen von Schiffen, sie hatten eine vielfältige Funktion in der norwegischen mittelalterlichen Gesellschaft. Aber natürlich stellten die nordischen Schiffe den Mittelpunkt dieser Gebäudekultur dar.

Denn das norwegische Königreich war im Mittelalter in zahlreiche sogenannte Schiffsbezirke aufgeteilt. Jeder Bezirk musste dem König im Verteidigungsfall ein voll ausgerüstetes Schiff für seine Flotte stellen. Es liegt nahe, dass das Schiffshaus, beziehungsweise das Gehöft, dem es zugeordnet war, auch Bau- und Reparaturwerft darstellte. Und nicht zuletzt, so darf aufgrund zeitgenössischer Berichte vermutet werden, dienten die Schiffshäuser auch als Lagerraum oder Festhalle.

Schiffshäuser, Hallen mit bis zu 2000 Quadratmetern

Groß genug waren die Gebäude unterschiedlicher Bauart durchaus. Längen von 20 bis 30 und mehr Metern sind belegt. Das Schiffshaus am Gehöft Kinsarvik im westnorwegischen Hardangerfjord beispielsweise hatte eine eingetiefte Grundfläche von 30 mal 30 Metern und mächtige steinerne Seitenwände von etwa zwei Metern Breite. Die dem Wasser zugewandte Schmalseite war offen. Parallel zu den Seitenwänden in etwa 2 Meter Abstand fanden sich Steinreihen, von denen die Archäologen annehmen, dass  sie als Unterkonstruktion für einen inneren Holzbau dienten. Für das Schiff stand damit eine Fläche von ca. 30 mal 9 Metern zur Verfügung.

Über die genaue Konstruktion der meisten Schiffshäuser geben die archäologischen Zeugnisse keinen klaren Aufschluss, selbst dann, wenn man Vergleiche anstellt. So sind für das wohl bekannteste Schiffshaus in Stend, nahe der Stadt Bergen ebenfalls wie in Kinsarvik Stein-Erde-Wälle als Seitenbegrenzungen, die dem Fjord zugewandte offene Schmalseite und die innere Holzkonstruktion nachgewiesen.

Während das Schiffshaus in Kinsarvik jedoch nahezu quadratisch war, präsentieren sich die Stender Überreste lang und schmal, eher schiffsförmig. Und das Kinsarvik- Haus lag anscheinend direkt am Wasser, während die Stender Halle 15 bis 20 Meter vom Ufer entfernt war. Für die Archäologen waren lange Zeit allein die unterschiedlichen Entfernungen der Schiffshäuser vom Wasser recht rätselhaft.

Norwegische Schiffshäuser bis zu 2000 Jahre alt

Tatsächlich lagen ursprünglich mit Sicherheit alle Schiffshäuser direkt am Wasser, zumindest liegt das bei der Funktion der Gebäude als Schiffshaus nahe. In den letzten 2000 Jahren jedoch hatte sich die norwegische Landmasse um etwa 2,5 Meter angehoben, sodass die ältesten Häuser am weitesten vom Meer entfernt liegen. Die Schiffshalle von Stend wird also auf ein Alter von etwa 2000 Jahren datiert, was durch Keramikfunde untermauert wird.

Die Halle von Kinsarvik dürfte jüngeren Datums sein.

Kinsarvik war übrigens das Zentrum einer der neun Schiffsbezirke im westnorwegischen Hardangerfjord. Als Zentrum verfügte das Gehöft über eine Kirche und eben über das mächtige Schiffshaus. Das Gehöft war damit nicht nur Schiffsstation, sondern auch kulturelles und natürlich Machtzentrum des Bezirks.

In mittelalterlichen norwegischen Gesetzen wird übrigens die Aufbewahrung des Schiffes geregelt. So heißt es dass die Fahrzeuge in Schiffshäusern und die Segel in der zentralen Kirche des jeweiligen Bezirks gelagert werden sollen. Und die dem Schiffshaus nahegelegene Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert weist sogar auf der wassernahen Schmalseite eine Öffnung im Dachstuhl auf. Hier hätte man in der Tat das Segel lagern können.

Schiffshäuser als Statussymbol

Auch wenn die Schiffshäuser in erster Linie den Schiffen als Unterstellplatz dienten, so waren sie auch Statussymbol. So wurden die Königlichen Schiffshäuser des 12. Jahrhunderts in Trondheim als riesig und aus wertvollsten Baumaterialien hergestellt beschrieben.

Bei der Krönung von Hakon Hakonsson zum norwegischen König in Bergen, bei der im Jahre 1247 weit über 500 geladene Gäste bewirtet wurden, griff man für die Feierlichkeiten auf das repräsentative Schiffshaus zurück. Mit immerhin etwa 45 Metern Länge und circa 30 Metern Breite war es deutlich größer, als alle anderen zur Verfügung stehenden Hallen des Hofes. Die Hakon Hakonssons Saga berichtet hierüber ausführlich.

Die Archäologie der Ortsnamen

Generell sind schriftliche Überlieferungen auch für die Interpretation archäologischer Funde sehr wichtig. Für das ebenso wie Kinsarvik im Hardangerfjord gelegene rund 30 mal 15 Meter große mittelalterliche Schiffshaus von Hamn belegt die Überlieferung, dass es sich bei der Fundstätte ebenfalls um das Zentrum eines Schiffsbezirks handelte. Die Erwähnung eines Ortsnamens mit dem Bestandteil Skipreide, was wörtlich „Schiffsbezirk-Ortsnamen“ bedeutet, unterstreicht das.

Die örtliche Überlieferung besagt auch, dass für das Schlagen des Schiffsbauholzes ein bestimmtes Waldstück benutzt wurde, die wörtliche Übersetzung des Gehöftnamens Hamn bedeutet Hafen und das Schiffshaus selbst wurde als skiparto, also Schiffslandeplatz bezeichnet. Das Beispiel zeigt, dass zusammen mit der Analyse von Überlieferungen und Ortsnamen die archäologischen Funde, die oft recht spärlich sind, sehr gut interpretiert werden können.

Literaturhinweis: Carnap-Bornheim, Radtke: Es war einmal ein Schiff, marebuch 2007

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Archäologie, Schifffahrtsgeschichte

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