Herrschaft und Christentum im Frankenreich

Ohne Christianisierung wäre die Eroberung, die Herrschaft und die Organisation des riesigen Frankenreiches kaum denkbar gewesen. Dass aber ausgerechnet ein heidnischer barbarischer Germanischer Stamm sich sowohl als Nachfolger des römischen Imperiums und zudem als Bewahrer der römischen Staatsreligion aufschwingen würde, erscheint auf den ersten Blick wie ein Treppenwitz der Geschichte.

Aber die Entwicklung des Frankenreiches bis hin zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen beinhaltet durchaus eine innere Logik. Als die Franken erstmals mit den Römern konfrontiert wurden, da existierte das Weströmische Reich noch. Und wie bei allen Völkern, die einen engen Kontakt zur römischen Zivilisation hatten, fand auch bei den Franken eine gewisse Romanisierung statt. Der Zusammenbruch des Reiches hinterließ ein für alle Völker der Region gefährliches aber auch chancenreiches Machtvakuum, das vor allem die fränkischen Könige, die längst dem Stammeshäuptlingstum entwachsen waren, zu nutzen wussten.

Katholische Kirche als fränkischer Verwaltungsapparat

Die fränkischen Häuptlinge, meist Angehörige der römischen Militäraristrokatie hatten von den Römern besonders gut gelernt, dass die germanische Stammesverfassung einem zentral organisierten und verwalteten Gebilde machtpolitisch hoffnungslos unterlegen war. Und so setzte bereits der als Begründer des Frankenreiches bezeichnete Chlodwig I (466 bis 511) auf den spätantiken römischen Verwaltungsapparat und damit vor allem auf die katholische Kirche.

Die Lex Salica

Die Germanen und auch ihre Häuptlinge und Könige konnten in der Regel weder lesen noch schreiben. Bürokratie und damit schriftliche Dokumente, unter anderem das Fixieren von einheitlichen Gesetzen war aber die Existenzgrundlage eines immer mehr expandierenden Reiches. Immerhin war bereits im frühen 6. Jahrhundert die lateinische Sammlung des Volksrechtes der Franken, die Lex Salica, entstanden. Ohne die schreibkundigen Geistlichen  nicht vorstellbar.

Aber auch für die fränkische Landnahme selbst war die Kirche nahezu unverzichtbar. kirchliche Orden, wie beispielsweise die Benediktiner und später die Zisterzienser, übernahmen im Mittelalter durch Errichten von Klöstern und Bewirtschaftung des Landes die Funktion von Pionieren in unterworfenen oder zu unterwerfenden Gebieten. Sie waren auch die Basis für die christliche Missionierung der Bevölkerung, der für die Reichsherrschaft so wichtige Verbreitung und Durchsetzung des christlichen Glaubens.

Auf den ersten Blick erscheint die Christianisierung der Germanen eine außerordentlich widersprüchliche und langwierige, mit zahlreichen Rückschlägen und Renaissancen des Heidentums verbundene Angelegenheit zu sein. Warum, so fragt man sich, müssen die ja bereits im römischen Reich zum Christentum übergetretenen Franken immer und immer wieder christianisiert werden. Warum müssen unterworfene christliche Germanenstämme eigentlich noch Jahrhunderte lang missioniert werden?

Germanische Identitätsfindung über den Kult

Die Antwort liegt im Religionsverständnis der Germanen auf der einen und im Charakter des Christentums auf der anderen Seite.

Für die Germanen gab es keine Trennung zwischen profan und spirituell. Die zahlreichen Gottheiten waren im täglichen Leben allgegenwärtig, mit ihnen musste ganz pragmatisch umgegangen werden. Was eine Gemeinschaft, sei es ein Stamm, eine Siedlung oder eine Großfamilie zusammenhielt, war nicht der konkrete, bis in alle Einzelheiten geregelte Glaube, sondern die gemeinsamen Kulte. Der Kult, ausgeführt vom Häuptling, oder einer anderen Führungspersönlichkeit begründete die Identität einer Gemeinschaft. Die sogenannte Volkszugehörigkeit, also die Nationalität, spielte eine sehr untergeordnete Rolle.

Bekannte sich also ein Führer beispielsweise aus machtpolitischem Kalkül zum Christentum und praktizierte er oder ließ er christliche Rituale praktizieren, so war aus dem obenbeschriebenen Selbstverständnis heraus, die ganze daran beteiligte Gemeinschaft christlich. Die formale Bekehrung ganzer Völker war vor diesem Hintergrund ein Leichtes, denn die persönliche Bekenntnis zum monotheistischen christlichen Glauben war naturgemäß nicht Bestandteil des Deals.

Monotheismus: Identität über den Glauben

Während die germanische Religion keine Glaubensvorschriften beinhaltete und in dieser Hinsicht absolut offen und tolerant war, stellen die monotheistischen Religionen, angefangen von der Lehre des Zarathustra (etwa 1000 v.u.Z. in Persien), über die hebräische Bibel (etwa 700 v. Chr. im babylonischen Exil entstanden), das Christentum bis zum Islam eine prinzipiell ausgrenzende, über den Glauben identitätsstiftende Herrschaftsideologie dar. Wer nicht an den einen Gott glaubt, sich nicht dem Vertreter dieses Gottes auf Erden sowohl materiell als auch mental unterwirft, gilt als Ungläubiger, als Gefahr für die Gemeinschaft, als Böse. Denn mit der Schaffung des einen Gottes wurde auch die Trennung zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Freund und Feind vorgenommen, ein den Germanen in dieser moralischen Form völlig fremdes Denk- und Glaubensschema.

Monotheismus als Legitimation von Zentralgewalten

Und genau mit diesen Konflikten hatten es die Missionare zu tun, als sie begannen, den formal christlichen Völkern nun die für den Zusammenhalt des Reiches so wichtigen herrschaftsorientierten Glaubensvorschriften beizubringen.

Auch wenn es Gläubige aller monotheistischen Richtungen nicht gerne hören: die gegenüber Andersdenkenden notwendigerweise intoleranten, also herrschaftsorientierten, auf Bekehrung, also Expansion ausgerichteten monotheistischen Religionen sind – historisch vielfach belegt und beschrieben – als ideologische Grundlage expansiver Großreiche und zur Legitimierung von Zentralgewalt entstanden.

Und nur als solche konnte in diesem Fall das Christentum bei dem Aufbau und der Entwicklung zunächst des Fränkischen, später des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen und schließlich bei der Entstehung der in der Kolonialisierung der Welt so erfolgreichen europäischen Nationalstaaten seine tragende Rolle behaupten.

Christentum gegen Islam

Die immanente Intoleranz und Herrschaftsorientiertheit der monotheistischen Religionen hatte übrigens auch dazu geführt, dass die christlichen Germanen als Nachfolger des christlichen Römischen Reiches das Vordringen der islamischen Mauren nach Zentraleuropa verhindert hatten. Hier sind zwei expansive Herrschaftsideologien aufeinandergetroffen. Und wie immer in solchen Fällen war klar: es kann nur Eine geben.

Literaturhinweis: Nyssen/Sonntag; Der Gott der wandernden Völker, St Benno-Verlag Leipzig 1969

 

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