Felsbilder in Norddeutschland und Skandinavien

Rezension von Thorsten Capelles „Bilderwelten der Bronzezeit“. Viele Interpretationen von Archäologen und Laien müssen die als skandinavische Felsritzzeichnungen bekannten Abbildungen von Booten, Figuren, Tieren und rätselhaften Gegenständen über sich ergehen lassen.

Vor allem religiöse und kultische Hinter- und Beweggründe werden den unbekannten vorgeschichtlichen Künstlern üblicherweise unterstellt. Und die Datierung erscheint oft auch eher von persönlichen Vorlieben der Betrachter gespeist, denn von solider sachlicher Analyse.
Der Autor des Buches „Bilderwelten der Bronzezeit“, Prof. Dr. Dr. Capelle, heute Mitglied der Altertumskommission für Westfalen, hat 35 Jahre lang europäische Ur- und Frühgeschichte in Münster gelehrt und war als Gastprofessor in Durham, Lund und Oslo tätig.

Schon in der Beschreibung der Vorläufer der weltweit verbreiteten Felsbilder macht Capelle deutlich, dass nahezu alle Deutungen der steinzeitlichen und bronzezeitlichen Kunst einen recht spekulativen Charakter haben.

Der so beliebten Interpretation der vorgeschichtlichen Kunst als Zeugnisse des Glaubens stellt Capelle beinahe provokativ folgende Spekulation entgegen: „Eventuell sind die Höhlenbilder im Sinne von nur erzählenden Trophäenwänden zu deuten, vergleichbar heutigen jagdbetonten Gaststuben.“

Felsbilder; Kunst der Stein-, Bronze- und Eisenzeit

Der gedankliche Hintergrund des Zitates zieht sich durch das gesamte Buch und ist Ausdruck einer ganz klassischen wissenschaftlich- professionellen Herangehensweise an dieses Thema. So enthält sich der Autor in den ersten Kapiteln zunächst allzu eingehender Interpretationen, sondern steckt zunächst einmal den Untersuchungsgegenstand ab. In der einleitenden Übersicht erfährt der Leser daher zunächst einmal, was Felsbilder eigentlich sind, wo man sie findet, wie sie hergestellt werden, welche formalen Eigenschaften sie aufweisen und, ganz wichtig und für den Laien die erste Überraschung, eine plausible Ableitung der Datierung der Skandinavischen und Norddeutschen als überwiegend bronzezeitliche Werke.

Ein Buch zum Mitdenken

Bei der Betrachtung der Bildmotive wird immer wieder auch die Bedeutung diskutiert und immer wieder stellt Capelle den so beliebten religiös-kultischen Interpretationen ganz profane Deutungen gegenüber, immer nachvollziehbar und gut begründet. Und bei der Vorstellung des einen oder anderen Bildmotivs und dessen zeitlichen, kulturellen und geografischen Umfeldes, kommt der Leser plötzlich scheinbar von selbst, in Wirklichkeit aber geschickt daraufhin geleitet, auf  ganz originelle Ideen und Gedanken. Irgendwie gelingt es dem Autor, den Leser vom Konsumieren der Informationen und Bilder zum Mitdenken, zum Vorwegnehmen von Schlussfolgerungen hinzulenken, die Capelle dann gar nicht mehr selbst formulieren muss.

Hochwertige Abbildungen von Felsbildern

Zweifellos haben die sehr guten und zahlreichen Abbildungen der Felsbilder einen hohen Anteil an der irgendwann eintretenden geistigen Mitarbeit des Lesers. Und auch der inhaltliche Aufbau des Buches führt dazu, dass der Leser zwar immer wieder neu angeregt, nicht aber überfordert wird.

Dabei bergen sowohl das recht komplexe Thema selbst, als auch die beim Lesen durchaus spürbare Informationsdichte des gerade einmal 127- seitigen Werkes durchaus die Gefahr der Überforderung. Und dass sich Capelle nicht vom publizistischen mainstream im historisch-archäologischen Bereich verführen lässt und aus seinen sachlichen Vorträgen für dieses Buch eben keinen Roman gezaubert hat, fordert vom Leser ebenfalls eine gewisse mentale Eigenleistung.

Ein echtes Sachbuch

Aber diese Eigenleistung zu erbringen fällt nicht wirklich schwer. Denn Capelle gelingt es trotz wissenschaftlich- sachlicher Darstellung durchaus die Faszination und Spannung, die diesem Thema innewohnt zu vermitteln. Vor allem aber der Verzicht auf Fachchinesich und das sichere Gespür für die Stellen seiner Ausführungen, bei denen der Leser Verständnishilfen benötigt macht das Lesen am Ende recht leicht.

Kult und Kunst in der Bronzezeit

Und natürlich kommt auch der Liebhaber von Kult und Religion am Ende nicht zu kurz. Denn Capelle widmet den Orten und den Abbildungen, bei denen aus dem Kontext des regionalen Umfeldes heraus eine sakrale oder kultische Bedeutung erwiesen ist, eigene Kapitel, wie „Kultplätze“ und „Bilder für die Toten“, in dem unter anderem die Felsbilder an und in Hügel- und Megalithgräbern behandelt werden. Unter der Überschrift „Norddeutsche Peripherie“ beschreibt Capelle schließlich die Funde Norddeutschlands bis hoch in das heutige Südniedersachsen, die einen Bezug zun skandinavischen Kulturkreis haben.

Breite Deutungsspielräume bei skandinavischen Felsbildern

Den Aspekt, der sich durch das ganze Buch zieht, nämlich die Frage, wie lassen sich die Bilder deuten, behandelt das letzte Kapitel noch einmal sehr intensiv. Und hier macht Capelle deutlich, dass in der Regel die Informationen, die notwendig sind, um nur ein einfaches Felsbild zu deuten, nur sehr selten vorhanden sind. „Für den heutigen Menschen,“ so erklärt Capelle, „ist daher der Phantasie mit einer Spannweite von rein antiquarischer Sicht bis zu kultisch- religiöser Deutung ein weiter Spielraum gelassen.“

Torsten Capelle, Bilderwelten der Bronzezeit, Phillip von Zabern 2008, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, ISBN 978-3-8053-3833-2

 

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Eingeordnet unter Archäologie

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