Die Batavia, ein holländisches Retourschiff des 17. Jahrhunderts

Schiffen wie der Batavia, einem holländischen Ostindienfahrer, haben die Holländer des 17. Jahrhunderts ihre Monopolstellung im Ostindienhandel zu verdanken. Den Holländern als Nation war es zwar letztendlich nicht gelungen, ein durch Kriegsflotten gestütztes Kolonialreich wie die Briten oder die Franzosen zu errichten, die Vereinigte Ostindische Handelskompagnie hatte es jedoch geschafft, zumindest im 17. Jahrhundert einen überseeischen Kolonialbesitz zu erobern und militärisch und administrativ abzusichern.

Nicht zuletzt Schiffe wie die Batavia bildeten die Grundlage für diese gewaltige Leistung der mit hoheitlichen Rechten ausgestatteten Handelsorganisation. Bereits im 16., vor allem aber im 17. Jahrhundert war Holland die führende Schiffbaunation Westeuropas. Die Handels- und Kriegsflotten aller führenden und aufstrebenden Seemächte, mit Ausnahme vielleicht der Spanier und Portugiesen bestanden überwiegend aus in Holland gebauten, von holländischen Schiffsbaumeistern gefertigten oder nach holländischen Vorbild konstruierten Fahrzeugen. Und so waren auch die Schiffe der Holländischen Vereinigten Ostindischen Kompagnie, die teils auf der Kompagnie gehörenden Werften gebaut wurden, das technologisch Ausgereifteste, was der internationale Schiffbaumarkt der damaligen Zeit hergab.

Batavia als archäologisches Experiment

Für den 1985 begonnenen Nachbau des Ostindienfahrers Batavia waren umfangreiche Vorabstudien erforderlich. Die Batavia, die aufgrund eines Beschlusses von 1626 der Siebzehn Herren, also des obersten Entscheidungsgremiums der Handelsgesellschaft, gebaut worden war, lief bereits auf ihrer ersten Fahrt 1629 vor der australischen Küste auf ein Riff und sank.

Natürlich war die Batavia nicht der einzige Schiffsverlust der Handesgesellschaft. Und so gibt es zwar eine ganze Reihe archäologisch untersuchter Wracks dieses Schiffstyps, jedoch keine Hebung eines vollständigen Schiffes. Die Rekonstruktion der Batavia war also ein umfangreiches archäologisches Experiment.

Das Ergebnis des 1995 vom Stapel gelaufenen Experiments kann sich sehen lassen. Mit 45,3 Metern Länge, 10,5 Metern Breite und 5,1 Metern Tiefgang, wurde hier einer der größten holländischen Ostindienfahrer als authentischer Nachbau rekonstruiert. Eindrucksvoll sind dabei nicht nur die Ausmaße und die Tatsache, dass das Schiff über ein Seetüchtigkeitszeugnis der Behörden verfügt. Auch der Aufwand, mit dem versucht wurde, sowohl bei der Materialauswahl als auch bei den Handwerkstechniken dem Original möglichst nahe zu kommen, ist beeindruckend.

Eichen aus den Wäldern Dänemarks

Wie das Original, so besteht auch der Nachbau aus Eichenholz. Allein um dieses Baumaterial zu beschaffen, musste Schiffbauermeister Willem Voss in verschiedenen Wäldern Dänemarks gut 1800 Kubikmeter Eichenholz in Form von Krumm-, Gerad- und Knieholz zusammensuchen und einkaufen. Netto blieben davon nach dem Zuschnitt und Verbau etwa 800 Kubikmeter übrig.

Von 24 der insgesamt 32 Geschütze der Batavia wurden in Zusammenarbeit mit einer großen Eisengießerei detailgetreue und voll funktionsfähige Repliken angefertigt.

Batavia-Werft: Ausbildungsstätte für modernes und traditionelles Handwerk

Gleichzeitg mit dem Rekonstruktionsbeginn der Batavia ist die Batavia-Werft beim holländischen Ort Lelystad als Ausbildungszentrum für modernes und traditionelles Handwerk entstanden. Im Holzschnitzatelier wurden beispielsweise nach eingehenden kunsthistorischen Untersuchungen die über einhundert Schnitzereien in Form von Ornamenten, grotesken Masken und Tritonen und natürlich der Galionsfigur, dem holländischen Löwen, hergestellt.

Die Takelei hatte sich mit den 21 Kilometern laufenden und stehenden Gutes auseinander zu setzen. Hier wird nicht nur das von einer niederländischen Seilmacherei gelieferte Hanftau zu den verschiedenen Takelagestücken verarbeitet, hier findet auch die aufwendige Instandhaltung der Batavia-Takelage statt. Immerhin musste die Takelage in den vergangenen Jahren bereits mehrfach repariert oder erneuert werden.

Die Blockwerkstatt und Segelmacherei ist für die Herstellung und Wartung der rund 900 Blöcke der Batavia zuständig. Blöcke sind Rollen und Teile von Flaschenzügen, durch die das Tauwerk des laufenden Gutes geführt wird.

Selbstverständlich gehört auch die Herstellung und Ausbesserung der 1180 Quadratmeter Segelfläche in die Zuständigkeit der Segelmacherei.

Batavia-Werft: archäologisches Zentrum und Publikumsmagnet

Dieser ganze Aufwand scheint sich auf den ersten Blick für den Nachbau eines einzigen Schiffes kaum zu lohnen. Aber die Bataviawerft ist eben nicht nur die Bauwerft der Batavia, sondern inzwischen Standort des Nationalen Schiffshistorischen Zentrums der Niederlande geworden Dabei spielt die Zusammenarbeit mit dem Niederländischen Institut für Schiffs- und Unterwasserarchäologie eine große Rolle.
Und natürlich verfügt das Werftgelände über ein Besucherzentrum mit zahlreichen Unterhaltungs- und Programmangeboten.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Batavia-Projektes erfolgte im Mai 1995 die Kiellegung des Kriegsschiffes „De 7 Provincien“, das Flaggschiff des Admirals de Ryter. Das Original war in den Jahren 1664 – 1665 für die Rotterdamer Admiralität gebaut worden.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Archäologie, Schifffahrtsgeschichte

Eine Antwort zu “Die Batavia, ein holländisches Retourschiff des 17. Jahrhunderts

  1. Danke für den interessanten Artikel. Ich finde, nichts beflügelt meine Phantasie mehr, als diese alten Ostindien-Fahrer. Geschichten voller Abenteuer und Entbehrungen, Träume von Reichtum und Ehre … und doch war es eigentlich ein Knochenjob, der nicht selten das Leben kostete… Toll, dass es dieses Nachbauten gibt. Wusste ich gar nicht.

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