Die Diskussion um das Matriarchat

Vor- und frühgeschichtliche Gesellschaften scheinen es ebenso zu beweisen, wie heutige außereuropäische Ethnien. Das Matriarchat ist die ursprüngliche Gesellschaftsform. Mit Werken wie dem 1891 erschienenen „Die Urgesellschaft“ vom amerikanischen Ethnologen Lewis Henry Morgan oder „Das Mutterrecht“, 1861 von Johann Jakob Bachhofen, begann schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Forschung über das Matriarchat.

Zunächst war die Beschäftigung mit dem sogenannten Matriarchat sicherlich keine Absicht, denn Morgan beispielsweise beschäftigte sich mit der menschlichen Familienentwicklung und Bachhofen interessierte sich vor allem für die Rechtsgeschichte. Mit seiner Arbeit „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ griff Friedrich Engels 1884 die Forschungsergebnisse von Morgan und Bachhausen auf und postulierte schließlich, dass das Matriarchat die Gesellschaftsform der Urgeschichte, die Urgesellschaft, darstellte.

Mit der Ablösung der Mutterrechtlichen Gesellschaft durch das Patriarchat begann, nach Engels die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“, eine Interpretation, die von der feministischen Frauenbewegung zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts aufgenommen wurde.

Matriarchat und Frauenbewegung

Für die Emanzipationsbestrebungen der Frauen spielte die Matriarchatsforschung eine wichtige Rolle, war sie doch die damals einzige Möglichkeit, den männlichen Vorurteilen und damit der gesellschaftlichen Diffamierung mit wissenschaftlichen Argumenten zu begegnen.

Und es war auch kein Zufall, dass die Frauenbewegung eine in weiten Teilen linke, sozialistische Bewegung war.

Denn während die bürgerlichen Wissenschaftler die Existenz eines Matriarchats als Gesellschaftsform weitestgehend bestritten, hatte der Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Friedrich Engels, politisch eindeutig für die Frauen Position bezogen. Allein der Begriff Matriarchat war damit mehr politisches Kampfinstrument, denn Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Untersuchung.

Definition des Matriarchats von Heide Göttner-Abendroth

Sowohl Engels als auch die Frauenbewegung der Siebziger standen hinsichtlich der Matriarchatsforschung noch ganz am Anfang. Denn erst nachdem die politische Dimension dieses Forschungsbereiches auch aufgrund der emanzipatorischen Erfolge der Frauenbewegung in den Hintergrund getreten war, konnte Anfang der neunziger Jahre eine verstärkt wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema beobachtet werden.

Hierfür war sicherlich der erste ernsthafte Definitionsversuch des Matriarchatsbegriffs von Heide Göttner-Abendroth von großer Bedeutung. Denn nun hatte man unabhängig von persönlichen und ideologischen Positionen eine gemeinsame Diskussions- und Arbeitsgrundlage.

Das Matriarchat als Ausgleichsgesellschaft

Göttner-Abendroth räumte zunächst einmal mit der Vorstellung auf, dass das Matriarchat das gleiche sei, wie ein Patriarchat, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Tatsächlich, so Göttner-Abendroth, gebe es im Matriarchat keine Herrschaft. Matriarchate sind, so die Definition, Ausgleichsgesellschaften, das heißt, Land und Haus, also die wesentlichen wirtschaftlichen Grundlagen, sind Sippenbesitz und nie Privateigentum. Daher werden auch die Produkte der Nahrung und der lebensnotwendigen Güter im Rahmen eines Regelsystems „gerecht“ innerhalb der Sippe verteilt.

Der Matri-Clan

Die sozialen Merkmale des Matriarchats sind durchaus den Beschreibungen Engels entlehnt. Die Familienstrukturen sind auf die Mütter ausgelegt, also matrilinear, das heißt, die Weitergabe des Sippennamens, des sozialen Titels und der Stellung verläuft in der Mutterlinie. Die matriarchale Sippe besteht demnach aus der Sippenmutter, den Töchtern, den Enkelinnen, den Brüdern der Mutter, den Söhnen und Enkeln. Die komplexen Regeln, nach denen innerhalb einer Gemeinschaft mit mehreren sogenannten Matri-Clans geheiratet wird, führen am Ende dazu, dass Jeder mit Jedem verwandt und verschwägert ist, Matriarchate daher von Göttner-Abendroth als Verwandtschaftsgesellschaften definiert werden.

Konsensgesellschaft: Macht ohne Herrschaft

Ganz wichtig für die Matriarchatsdefinition ist das Fehlen von Herrschaft. Matriarchate sind sogenannte Konsensgesellschaften. Entscheidungen werden hier durch Konsensbildung, die innerhalb der Sippe durch Diskussion und im Rahmen der Dorf- und Stammesgemeinschaft über ein Delegiertenwesen hergestellt wird, getroffen.

Und nicht zuletzt beschreibt die Frauenforscherin noch die weltanschaulichen Merkmale. Es ist der auf die Sippe bezogene Wiedergeburtsglaube, der Ahnenkult, die Verehrung der mütterlichen Erde und eines als weiblich begriffenen Kosmos, vor allem auch die Abwesenheit dualistischer Moral, also der Unterteilung zwischen Gut und Böse.

Das Reich der mächtigen Frauen

Eine ganze Reihe von außereuropäischen Völkern erfüllen noch heute oder erfüllten noch vor wenigen Jahrzehnten wenigstens Teile dieser Kriterien. Zu nennen wären da die von Jacob Mehringer und Jürgen Dieckert erforschten Canela-Indianer Brasiliens, die von Leo Fainberg beschriebenen Xingu-Indianer des Amazonas, die Irokesen, über die Karl-Heinz Schlesier und Irene Schumacher berichten oder die von Göttner-Abendroth besuchten Muso in Südchina.

Aber auch in der Geschichte, speziell der Antike, lassen sich Völker ausmachen, die matriarchale Züge aufweisen, für Viele vielleicht überraschend, gehören ausgerechnet die Spartaner des archaischen Griechenland dazu. Und auch das frühgeschichtliche Japan galt bei zeitgenössischen Nachbarvölkern als Reich der mächtigen Frauen.

 

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Eingeordnet unter 5 Neuzeit, Ethnologie, Geschichte im Querschnitt

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