Henker, Huren, Handelsherren von K. P. Jankrift

Aus verschiedenen schriftlichen Quellen webt Kay Peter Jankrift ein Gemälde des mittelalterlichen Stadtlebens am Beispiel der Stadt Augsburg. Zunächst aber erscheint das Bild, das sich vor dem geistigen Auge des Lesers ausbreitet, recht schlaglichtartig und es beginnt mit Tod, Seuche und einem handfesten Skandal.

Die Pest, die 1348 das deutschsprachige Reichsgebiet heimsuchte führte nicht nur zu Massensterben insbesondere der städtischen Bevölkerungen. Als Verursacher des schwarzen Todes wurden  am Ende die Juden ausgemacht und vielerorts, so auch in Augsburg, fanden Massenmorde an Juden statt.

Tatsächlich war es nicht der verzweifelte Mob, der nach Sündenböcken suchte, sondern, wie Jankrift anhand von zeitgenössischen Quellen nachweist, von interessierter Seite gesteuerte Mordaktionen. Der Mindener Dominikaner Heinrich von Herford äußerte sich damals zu den Massakern, es habe sich nur um ein Gerücht gehandelt, dass die Juden die Brunnen vergiftet hätten. Die wahre Ursache seien die Begehrlichkeiten ihrer Schuldner gewesen. Mit dem Mord an den jüdischen Gläubigern konnten sich die hoch verschuldeten Städte und Patrizier schnell ihrer gesamten Schulden entledigen und zudem von den verwaisten Hinterlassenschaften der Ermordeten profitieren.

Mord an jüdischen Gläubigern

Auch in Augsburg geben die Quellen über die Hintergründe des Massenmordes Aufschluss. Es sind hier unter anderem Gerichtsakten, die unter dem Stichwort „Pest der Juden“ über den Prozess gegen die Mörder und deren Verurteilung berichten.

Jankrift beschreibt dann weiter, wer alles von den Massakern profitiert hatte, und wie sich das Leben der Juden in der mittelalterlichen Stadt gestaltete. Nachdem der geneigte Leser nun glaubt, alles über die finsteren Zusammenhänge erfahren zu haben, wartet der Autor mit der eigentlichen Überraschung auf: in Augsburg gab es in jener Zeit gar keine Seuche.

Fernhandelskaufmann Burkhard Zink

Die Geschichte von Juden und der schwarzen Pest ist nur eine von vielen. Über Feuersbrünste und Feuerbekämpfung, über Hochwasser und Brandstifter und über die Konflikte zwischen Patriziern und Handwerkern berichten die Quellen.

Und natürlich spielen bei den Schilderungen des städtischen Lebens auch die im Titel angekündigten Huren und Henker eine wesentliche Rolle.

Die schlaglichtartige Betrachtung verschiedener Aspekte des mittelalterlichen Stadtlebens erhält mit der Darstellung des Lebens des Augsburger Fernhandelskaufmanns Burkhard Zink allmählich eine gewisse Kontinuität. Das Zusammenführen der verschiedenen zuvor beleuchteten Aspekte in der Lebensbeschreibung des Burkhard Zink, lässt den Leser nun mehr und mehr die Distanz zur Welt seiner Lektüre verlieren.

Huren, Henker, Prostitution

Kriminalfälle, persönliche Schicksale, politische Intrigen, Prostitution und Eheleben, viele Bereiche des täglichen Lebens lassen sich über die zeitgenössischen Quellen erschließen. Und Jankrift ist hier immer für eine Überraschung gut.

Das bestechende an dem Buch ist aber nicht nur die lebendige Beschreibung der mittelalterlichen Stadtwelt. Vielmehr sind es auch die Quellen, die hier nicht nur als ordentliche Angaben in den Anhang verbannt werden, sondern Teil der Schilderungen sind. Der Hinweis, dass aus den Aufzeichnungen des Stadtschreibers das Salär des Henkers für eine bestimmte Hinrichtungsart an einem ganz konkreten Delinquenten, hervorgeht, dass die Abrechnungen der Baumeister offengelegt und die Eintragungen der Kirchenbücher zitiert werden, lässt dem Leser an den Geschehnissen direkt teilhaben.

Kriminalistische Spurensuche

Jankrit, der an den Universitäten Münster und Tel Aviv Geschichte, Semitische Philologie und Islamwissenschaften studiert hat, dokumentiert mit diesem Buch akribische Forschungsarbeit. Die Art der Quellen, die immer wieder in die Erzählungen eingeflochten werden, sind ebenso faszinierend, wie die Schlussfolgerungen, die der Privatdozent für Mittelalterliche Geschichte seinen Lesern anbietet. Historische Forschung, das wird aus dem Buch deutlich, hat auch etwas von kriminalistischer Spurensuche.

Kay Peter Jankrift, Henker, Huren, Handelsherren, Klett- Cotta 2008, gebunden, 252 Seiten, ISBN 978-3-608-94140-1, gebunden.

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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