Jaques Le Goff – Wucherzins und Höllenqualen

Obwohl die Wucherei im Mittelalter als eine der größten Sünden galt, setzte sie sich seit dem 12. Jahrhundert als, wie der Autor des Buches „Wucherzins und Höllenqualen“, Le Goff meint, Wegbereiter des Kapitalismus durch.

Für die Kirche war die Sache klar: wer ungerechtfertigte Zinsen erhebt oder Geld gegen Zinsen verleiht, ja wer erwartet, mehr zurückzubekommen, als er gibt, der sündigt und hat keine Chance, in den Himmel zu kommen. Allerdings gilt das für „Geschäfte“ mit dem Bruder, also für Geschäfte von Christen untereinander. Fremden gegenüber, das galt für Christen und Juden, darf man Wuchern, ohne zu sündigen.

In einer regelrechten Kampagne gegen die Wucherei, sie wurde im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts auf fünf Konsilien streng verurteilt, verteufelte die Kirche das Geld, den Mammon und sein Opfer, den Wucherer.

Dessen ungeachtet florierte der Handel mit dem Geld, denn die sich entwickelnde Wirtschaft und der Fernhandel benötigten Kredite und damit auch Kreditgeber.

So blieb der Wucher zwar eine Sünde, dem Wucherer eröffneten sich jedoch mit einer Veränderung der kirchlichen Sichtweise von Sünde und Buße, Auswege aus dem Dilemma.

Das Fegefeuer als Ausweg

Das Fegefeuer als Chance, für den, der seine Sünden aufrichtig bereut, in den Himmel zu kommen, statt ewig in der Hölle zu schmoren, bot nun auch dem Wucherer bzw. dem Geldverleiher die Möglichkeit, trotz sündigen Lebens in den Himmel zu kommen. Und damit ist nach Auffassung von LeGoff ein Meilenstein auf dem Weg zum Kapitalismus erreicht.

Le Goff beschreibt durch zahlreiche Beispiele in Form von Zitaten die komplexe Problematik zwischen den christlichen Prinzipien, einer sich entwickelnden (Geld-) Wirtschaft, des christlich- jüdischen Verhältnises, des mentalen und sozialen Drucks, der durch die geistlichen Vorgaben und die Prozesse der realen Welt entsteht.

Das klassische Werk, ganz im Stile der Nouvelle Histoire zieht den Leser tief in die fremdartigen Denkweisen des Mittelalters hinein. Keine Aneinanderreihung von historischen Daten oder Taten großer Männer. Das Thema und die Geschichte wird hier als langwieriger gesellschaftlicher Prozess begriffen und beschrieben.

Der Historiker Le Goff

Jaques Le Goffe ist einer der führenden Vertreter der Nouvelle Histoire, der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im Elsaß entstandenen Schule der Sozial- und Mentalitätsgeschichte, die erst in den 70er Jahren auch in Deutschland Fuß fassen konnte. Der 2008er Neuauflage der rund 20 Jahre alten Arbeit Le Goffes ist nun eine recht umfangreiche Einführung von Johannes Fried hinzugefügt worden, die die detaillierten und zitatenreichen Ausführungen des international anerkannten Mittelalterspezialisten noch einmal übersichtlich zusammenfasst.

Jacques Le Goff ,Wucherzins und Höllenqualen, Ökonomie und Religion im Mittelalter, Klett Cotta 2008, Aus dem Französischen von Matthias Rüb, mit einem Nachwort von Johannes Fried, Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, Seiten: 205, ISBN: 978-3-608-94468-6

 

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Eingeordnet unter 3 Mittelalter, Rezension

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