Catalhöyük – ein Dorf mit 8000 Einwohnern

Der Begriff „Leichen im Keller“ darf in der anatolischen Steinzeitsiedlung des 7. vorchristlichen Jahrtausends durchaus wörtlich genommen werden. Und nicht nur deshalb ist die „Gabelhügelstadt“ Catalhöyük, ist eine der bemerkenswertesten Ausgrabungsstätten überhaupt.

Das Besondere an der Gabelhügelstadt ist nicht nur die Größe der Siedlung, die mit ihren rund 2000 Häusern auf einer Fläche von über 12,25 Hektar etwa 8000 Menschen Schutz und Unterkunft gegeben hatte. Es handelt sich vielmehr um eine Siedlung aus der Zeit, in der die steinzeitlichen Jäger und Sammler gerade sesshaft geworden waren und mit Tierzucht und Ackerbau begonnen hatten.

Für den Übergang von der Jäger und Sammler- zur Ackerbaugesellschaft, war die etwa 7400 vor unserer Zeitrechnung entstandene und vielleicht 6000 vor Christus aufgegebene Siedlung, bereits erstaunlich weit entwickelt. Einstöckige Lehmziegelhäuser mit mehreren Zimmern, mit gipsverputzten Wänden und unterschiedlichen Funktionsbereichen standen so dicht aneinander, dass sie nur über die Dächer zugänglich waren.

Steinzeitliche Wandgemälde

Faszinierend an dieser Stadt ist zweifellos die hochentwickelte Kultur seiner Bewohner, die sich in einer ausgeprägten Kunst und Symbolik ausdrückt. Abstrakte und konkrete Wandgemälde schmückten die weißgetünchten Wände, Jagdszenen, Tiere und Menschen. Und die wahrscheinlich erste Landkarte, die jemals entdeckt wurde, zeigt in Form eines Wandgemäldes möglicherweise eine Stadtansicht mit dem Zwillingsgipfel des nahegelegenen Vulkans Hasan Dagi.

Töpferei, Webkunst, Obsidianverarbeitung sowie die Herstellung von Figuren, Idolen und Siegeln war den Bewohnern des Ortes ebenso vertraut, wie der überregionale Handel beispielsweise mit Mesopotamien.

Der Friedhof im Fußboden

Trotz der Größe der Siedlung und dem hohen kulturellen Stand spricht nichts für eine hierarchische gesellschaftliche Organisation. Es scheint vielmehr, als sei jeder Haushalt für sich selbst verantwortlich gewesen, nicht nur was den Lebensunterhalt, sondern auch, was die Ausübung von Glauben und Ritualen betrifft.

So hatte jeder Haushalt seinen eigenen Friedhof. Denn die Verstorbenen wurden unter dem Fußboden der Wohnhäuser beerdigt, unter den erhöhten Schlafstellen beispielsweise.

Waren diese vollständig mit den Ahnen belegt, wurde der Boden verfüllt und das Haus entsprechend erhöht. Schicht um Schicht wuchs auf diese Weise die Stadt auf den Gebeinen der Ahnen in die Höhe.

Umweltkrankheit Rußlunge

Auch wenn die Wohnungen der Steinzeitbauern auf den ersten Blick mit ihren freundlichen weißen Wänden recht gemütlich wirkten, die Häuser ohne Fenster und Türen, nur mit kleinen Öffnungen nach oben, brachten einige Probleme mit sich. So hatten sich beispielsweise auf den Skeletten der Ahnen an den Rippen Rußablagerungen gefunden. Naturgemäß verfügten die Feuerstellen in den Häusern nur über einen geringen Abzug. Besonders im Winter, wenn sich das Leben nicht mehr überwiegend auf dem Dach abspielen konnte, dürften sich erhebliche Mengen Ruß in den Lungen der Bewohner abgelagert haben. Nach dem Tod und der Zersetzung des Lungengewebes war der Ruß schließlich auf den Rippen zurückgeblieben.

Unbekanntes Bestattungsritual

Im Grunde ist die Erkenntnis der Rußlunge bei den Bewohnern der Siedlung nicht überraschend. Andererseits könnten die entsprechenden Funde aber eine Annahme über das Bestattungsritual widerlegen. Wissenschaftler gingen nämlich bislang davon aus, dass die Toten zunächst den Geiern zum Skelettieren des Leichnams vorgeworfen wurden, sodass anschließend nur noch die Gebeine bestattet werden mussten. In diesem Fall aber hätte sich kein Ruß aus dem Lungengewebe auf den Rippen ablagern können.

Endogame Kultur

Heute vermutet man, dass die Bewohner von Catalhöyük eine sogenannte endogame Kultur bildeten. Das bedeutet, dass die Menschen nur innerhalb einer Gruppe wie Stamm oder Siedlung heiraten. Um Inzest zu vermeiden, waren solche Gemeinschaften üblicherweise in zwei Untergruppen unterteilt. Dass der Siedlungshügel zwei Spitzen aufweist, lässt darauf schließen, dass der Ort, entsprechend dem endogamen Prinzip, ursprünglich aus zwei voneinander getrennten Siedlungsgebieten bestand, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen waren.

Catalhöyük ist zweifellos ein archäologisches Schatzkästchen. Die Erkenntnisse, die man hier über die Phase der Sesshaftwerdung gewonnen hat und noch gewinnt, sind zwar nicht immer neu, bestätigen oder verwerfen aber bislang theoretische Annahmen. Das Besondere an Catalhöyük ist nicht unbedingt das Alter. Jericho beispielsweise ist mit seiner Entstehungszeit etwa im 9. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung deutlich älter. Es ist aber der Übergangsprozess in die sogenannte Zivilisation, der die Ausgrabungsstätte an der Wegegabelung zwischen den Hügeln so spannend macht.

 

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