Harappa und Mohenjo-Daro, Zeugnisse der Induskultur

Die Indus-Kultur ist wohl die geheimnisvollste aller Kulturen der vier Zentren der Weltzivilisation. Ende der 1820er Jahre entdeckten Europäer große Siedlungshügel im Industal und hielten diese zunächst für Überbleibsel aus der Zeit Alexander des Großen.

Als Ende des 19. Jahrhunderts in Harappa, eine Reihe merkwürdiger, mit unbekannten Schriftzeichen gravierte Siegel gefunden wurden deutete dies bereits auf die Existenz einer damals noch unbekannten Kultur hin. Aber erst 1924, nach Veröffentlichung der Ausgrabungsergebnisse aus Harappa und der Schwesterstadt Mohenjo-Daro, war klar, dass man es tatsächliche mit einer unbekannten, sich über das ganze Industal erstreckenden bronzezeitlichen Kultur zu tun hatte.

1500 Siedlungen der Indus-Kultur

Mehr als 1500 Siedlungen der sogenannten reifen Indus-Zeit von 2500 bis 2000 vor Christus, oft ansehnliche Städte mit den charakteristischen Mauern aus gebrannten Ziegeln, sind inzwischen bekannt. Tatsächlich basiert die Entstehung der Induskultur auf einem Jahrtausendelangen Prozess. Bereits um etwa 7000 vor Christus entwickelten sich die ersten Dörfer im Industal, die ab Ende des 5. Jahrtausends recht groß wurden und ihren Einfluss bald über das gesamte Tal ausdehnten.

Bis etwa 2800 vor unserer Zeitrechnung entstand eine immer homogenere Kultur, die schließlich etwa ab 2600 in der sogenannten reifen Indus-Kultur mündete.

Städte mit für die damalige Zeit gewaltigen Ausmaßen waren ebenso entstanden, wie ein Handelsnetz, das von Ägypten und Mesopotamien bis nach Persien, Afghanistan und Zentralasien reichte. Das Einflussgebiet der Induskultur erstreckte sich über eine Fläche von der Größe Westeuropas, so groß wie das antike Ägypten und Mesopotamien zusammen.

Harappa Großstadt mit Kanalisation

Eine außerordentlich hochentwickelte Stadtplanung mit Kanalisation und Wasserinfrastruktur für alle Bewohner, mit Bädern und ans Abwassersystem angeschlossenen Latrinen kennzeichnete die Induskultur. Allein Harappa beherbergte in seiner Hochzeit rund 80.000 Bewohner und bedeckte eine Fläche von rund 150 Hektar.

Funde von Keramik, kleinen Statuen, Gold- und Silberschmuck, Siegeln, Marken, Gewichten, tönernen Ochsenkarren und vor allem Perlen repräsentieren die kunsthandwerkliche Ausnahmestellung der Induskultur. Perlenwerkstätten mit kompletter Einrichtung, mit Steinbohrern, Sticheln, Ambossen, Schleifsteinen und Öfen wurden in den Orten Chanhu-Daro und Lothal ausgegraben. Und die Funde zeigen auch, dass die Herstellung von Perlen aus Speckstein, Bronze, oder Achat wohl eine zentrale Technologie der Indus-Kultur gewesen sein muß. Nicht nur, dass beispielsweise in Harappa auch Technologien für Glasur und Färbung von Perlen entwickelt worden waren, auch die Fayence-Technologie und nicht zuletzt die Herstellung von Glasperlen konnten hier nachgewiesen werden. Die Ägypter stellten erst 200 Jahre später ihr erstes Glas her.

Die Rätsel der Induskultur

Die Städte der Indus-Kultur waren mit ihren gitterartigen Straßennetzen recht einheitlich geplant. Die Ziegel, mit denen die Mauern und Häuser der Städte gebaut wurden, wiesen im gesamten Indusgebiet ein Einheitsmaß von 28 mal 14 mal 17 cm auf. Und es gab einheitliche Gewichte und Handelsregulierungen mit Siegeln, einer Art Hieroglyphenschrift und möglicherweise sogar Anfänge eines Währungssystems.

Aber es gibt keine Spuren einer Zentralmacht, keine Paläste, keine Hinweise auf militärische Macht, weder monumentale Kunst noch Reliefs, keine Darstellung stolzer Herrscher oder siegreicher Truppen. Über die gesellschaftliche, politische Organisation und den Glauben der Menschen dieser Kultur ist so gut wie gar nichts bekannt. Und genau dies macht das eigentliche Geheimnis dieser bemerkenswerten Kultur aus, die in vielen Bereichen den anderen Kulturen dieser Zeit um Jahrhunderte voraus war.

Niedergang der Induskultur

Im Laufe des 2. vorchristlichen Jahrtausends begann der Niedergang der Induskultur, der sich dadurch ausdrückt, dass in den archäologischen Funden, die diese Zeit repräsentieren ein Verfall der Bausubstanz, nicht instandgesetzte Wasserrohre und andere Infrastruktur und das allmähliche Verschwinden der bekannten Anzeichen einer geordneten Kultur wie Siegel, Gewichte oder Töpferwaren zu verzeichnen ist. Auch die ausländischen, vor allem mesopotamischen Texte hören auf, über den Handel mit dem Volk der Induskultur zu berichten.

Über die Ursachen des Niedergangs wurde und wird viel spekuliert. Die Laufänderung des Indus in jener Zeit wird ebenso in Betracht gezogen, wie Epedemien, Naturkatastrophen und natürlich feindliche Invasionen. Allein diese Aufzählung zeigt, dass die Induskultur selbst in der Phase ihres Untergangs rätselhaft bleibt.

Ob diese Rätsel jemals gelöst werden, hängt auch davon ab, ob beispielsweise das ursprünglich sehr gut erhaltene Mohenjo-Daro noch vor dem endgültigen Zerfall gerettet werden kann. Denn heute bedrohen menschengemachte Umwelteinflüsse die Zeugen der Vergangenheit in ihrer Existenz.

 

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Eingeordnet unter 1 Frühzeit, Archäologie

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