Gilden, Zünfte, Innungen in Mittelalter und Neuzeit

Die Auflösung des römischen Reiches hatte zumindest im deutschsprachigen Raum nicht nur Handel und Wirtschaft zugrunde gehen lassen, sondern auch die recht fortschrittlichen sozialen Sicherungssysteme der römischen Antike zerstört.

Neue Systeme entstanden schließlich gegen Ende des ersten Jahrtausends, nachdem die Gründung des Frankenreiches stabilere Verhältnisse für Handel und Wirtschaft gebracht und damit auch die Gründung bzw. Wiederbelebung von Städten ihren Anfang genommen hatte.

In den neugegründeten Städten sammelten sich ebenso wie in den wiederbelebten römischen Städten die Handwerker, Bürger und Kaufleute, die sich zu Gilden, Zünften und Innungen zusammenschlossen. Dabei stand nicht nur der Schutz vor unliebsamer Konkurrenz im Vordergrund, sondern auch die solidarische Absicherung gegen Krankheit, Unfälle und Tod.

Daneben gab es auch Regelungen im Rahmen von Gemeinde- und Stadtordnungen, die sich des Problemkreises des Unterhaltes Verletzter oder Erkrankter annahm.

Berufsausübung und Krankheitsrisiko

Sicher waren die Zusammenschlüsse der Handwerker und Kaufleute und ihre Bedeutung in den städtischen Gemeinwesen ein Grund dafür, dass sich Ärzte und Wissenschaftler immer wieder mit den Zusammenhängen zwischen Berufsausübung und Krankheits- und Unfallrisiko auseinandersetzten.
So beschrieb 1481 Ulrich Ellenbog, Stadtarzt in Memmingen die gewerbliche Kohlenmonoxidvergiftung und gab die Schrift „Von den giftigen bösen Dämpfen und Rauchen zum Gebrauche und Nutzen der Augsburger Goldschmiede“ heraus.

Der Arzt und Chemiker Paracelsus schrieb von der „Bergsucht oder Bergkrankheiten“. Erstmals systematisch allerdings befasste sich der italienische Arzt Bernardino Ramazzini um 1700 in seiner „Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker“ mit den Berufskrankheiten. Dieses Werk, in dem Ramazzini 42 Berufsgruppen behandelt, blieb noch bis ins 19. Jahrhundert wissenschaftlich aktuell.

Entschädigung als Darlehen

Ganz so fortschrittlich wie die römischen Genossenschaften waren die sozialen Sicherungssysteme der Zünfte, Gilden und Innungen nicht. Denn Entschädigungen oder Unterstützungen aus den aus Mitgliederbeiträgen gespeisten Kassen, den Laden, gab es nur als Darlehen. Starb der Patient, so hatte die Unterstützungseinrichtung das Recht, sich an seinem persönlichen Besitz schadlos zu halten, „auf das,“ wie es hieß, „der Lade kein Schade entstehe.“

Ein erhebliches Gesundheitsrisiko stellte die Arbeit im Bergbau dar. Hier hatten sich etwa im 13. Jahrhundert die Bergleute, damals waren es selbständige Unternehmer, zu Gewerkschaften zusammengeschlossen. Ihre Bergordnungen enthielten unter anderem auch Unfallverhütungsmaßnahmen.

Die Kuttenberger Bergordnung aus dem Jahr 1300 begrenzt beispielsweise die Schichtdauer auf sechs Stunden. Und mit einem Teil der Büchsenpfennige, also der Gewerkschaftskasse, wurde das 1320 gegründete Katharinenstift in Eisleben für die Aufnahme unfallverletzter Bergleute unterhalten.

Armenfürsorge des Staates und der Kirche

Die Zunft- und Gildengesellschaft konnte natürlich nicht alle Bürger gleichermaßen sozial absichern. Sicherheit bestand nur für jene, die einer spezifischen Zunft oder Gilde zugeordnet waren. Arbeitslose, Bettler, Proletariat wurden der Armenfürsorge des Staates und der Kirchen überantwortet.

Die Situation verschlechterte sich daher drastisch mit der beginnenden Industrialisierung. Die Fabrikarbeiter gehörten keiner Zunft an, die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich zusehends, die Masse der Bevölkerung begann nicht nur materiell, sondern auch gesundheitlich zu verelenden.

Ein Bericht der Düsseldorfer Regierung nach Berlin macht die Probleme deutlich: „Bleiche Gesichter, matte und entzündete Augen, geschwollene Leibe, aufgedunsene Backen, aufgeschwollene Lippen und Nasenflügel, Drüsenschwellungen am Hals, böse Hautausschläge und astmatische Anfälle unterscheiden diese unglücklichen Geschöpfe, die frühe dem Familienleben entfremdet waren und ihre Jugendzeit in Kummer und Elend verbrachten, in gesundheitlicher Beziehung von Kindern derselben Volksklasse, welche nicht in Fabriken arbeiten.“

Geburtsstunde der Berufsgenossenschaften

Zahlreiche recht allgemein gehaltene Gesetze und Verordnungen zur Arbeitszeit, Unfallverhütung und Unternehmerhaftung wurden erlassen. Sie zeigten sich jedoch als so wirkungslos, dass zur Sicherung des inneren Friedens im Deutschen Reich 1881 auf Drängen Bismarcks die sogenannte kaiserliche Botschaft erlassen wurde. Im Rahmen dieser Sozialgesetzgebung schlug auch die Geburtsstunde unserer heutigen Berufsgenossenschaften.

 

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