Cutty Sark- das schnellste Schiff seiner Zeit

Die Cutty Sark war gebaut worden, um die jährlichen Teerennen von China nach London zu gewinnen. Es gelang ihr nie. Dabei war sie weltweit das schnellste Schiff ihrer Zeit. Als die Cutty Sark 1869 vom Stapel lief, ging für den Eigner, Kapitän John Wills ein Traum in Erfüllung. Er hatte das schnellste Schiff der Welt für einen Preis von lediglich 17 englischen Pfund pro Tonne erhalten.

Dieser Preis war mehr als billig für ein Schiff der höchsten Lloyds-Klasse, in das die besten Materialien verbaut worden waren. Kein Wunder, dass die kleine Werft, die noch nie zuvor ein Schiff dieser Größe gebaut hatte, kurz vor der Fertigstellung der Cutty Sark pleite ging und der Klipper von einer anderen Firma fertiggestellt werden musste.

Herausforderung im Teeklipperrennen

Der eigenwillige Wills, ein Londoner Reeder schottischer Abstammung, der wegen seines markanten Hutes auch als Old White Hat bekannt war, hatte den außergewöhnlichen Klipper bauen lassen, um die ein Jahr zuvor in Aberdeen vom Stapel gelaufene und bereits legendäre Thermophylae im Teerennen zu schlagen. Wills hatte hierfür einen jungen schottischen Konstrukteur, Hercules Linton, verpflichtet, der sich bei seinem Entwurf stark an einem anderen Schiff des Reeders orientierte, der Tweed. Sie hatte gute Linien und war schnell, war aber für den Teehandel zu groß.

Die Tweed war 1854 als Dampfschiff Punjaub in Bombay gebaut worden. Nachdem sie zunächst als Truppentransporter im Krimkrieg eingesetzt worden war, wurde sie nach Ende des Krieges zum reinen Segelschiff umgebaut und als Tweed in die Flotte Wills eingegliedert.

Für die Cutty Sark übernahm Linton die klaren Linien und vor allem den Bug der Tweed. Das Heck jedoch modifizierte er so, dass der Rumpf der Cutty Sark nicht nur deutlich steifer wurde als der der Tweed, sondern zudem wesentlich mehr Segel tragen konnte, bei weicheren Bewegungen im Seegang.

Höchstgeschwindigkeiten

Der erste Kapitän der Cutty Sark, George Moodie, war von seinem Schiff begeistert, zumal er persönlich eine Höchstgeschwindigkeit von 17,5 Knoten, das sind etwa 30 Stundenkilometer, gemessen hatte. Die Cutty Sark war eindeutig das schnellste Schiff seiner Zeit. Als beste Tagesleistung wurden 363 Seemeilen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Knoten erreicht. Auch die 2164 Meilen in sechs Tagen waren beeindruckend, bedeuteten sie doch eine durchschnittliche Tagesleistung von 360 Meilen. Tagesleistungen von 330 Seemeilen galten in jener Zeit bereits als ausgezeichnet und waren nicht alltäglich.

Bei 400 Meilen Vorsprung Ruderbruch

Wills Ziel, die Teerennen zu gewinnen und vor allem die Thermophylae zu schlagen, sollte der Cutty Sark aber nicht gelingen. Entweder das außergewöhnliche Schiff wurde von allzu vorsichtigen Kapitänen geführt oder aber sie hatte einfach Pech.

1872 ergab sich die einzige Gelegenheit eines direkten Rennens mit der Thermophylae. Tatsächlich hatte die Cutty Sark ihre Rivalin bereits im indischen Ozean rund 400 Seemeilen hinter sich gelassen, als das Ruder brach und für die Herausforderin das Rennen beendet war.

Schnellstes Schiff der Welt

Die Fertigstellung des Suezkanals bedeutete das Ende der Teeklipper, durch die kürzere Strecke waren die Dampfschiffe nun wettbewerbsfähig geworden. Auch die Cutty Sark musste in den Jahren nach 1877 von Kohle über Jute, Stahl oder Baumwolle, jede Ladung annehmen, die sie bekommen konnte.
1885 begann für die Cutty Sark unter Kapitän Woodget noch einmal eine erfolgreiche Zeit. Im Australienhandel konnte sie ihre Überlegenheit endlich unter Beweis stellen. Auf ihren Reisen zwischen Australien und England schlug sie jeden Wettbewerber, einschließlich der alten Rivalin Thermophylae und 1892 dem Dampfpostschiff Britannia. Damit war sie nach 23 Dienstjahren endlich als schnellstes Schiff der Welt offiziell anerkannt.

Cutty Sark als nationales Denkmal

Wegen Unwirtschaftlichkeit verkaufte Wills schließlich 1895 das Schiff an eine portugiesische Reederei, wo es unter dem neuen Namen Ferreira weitere 28 Jahre die Weltmeere befuhr.

1923 kehrte das Schiff nach England zurück und diente hier als Ausbildungsschiff bis zum Ende des zweiten Weltkrieges.

Als es nicht mehr gebraucht wurde, kämpfte eine Gruppe von Bürgern mit Unterstützung des Prinzen Philip um den Erhalt der Cutty Sark. !954 schließlich wurde für die Cutty Sark ein Trockendock in Greewich, nahe dem National Maritime Museum gebaut, die Cutty Sark restauriert und 1957 von Queen Elisabeth offiziell als nationales Denkmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Abgebrannt und wieder aufgebaut

Im Mai 2006 schien ein Feuer das Ende des Nationaldenkmals besiegelt zu haben. „Cutty Sark durch Brand zerstört“ lauteten die Schlagzeilen, die um die Welt gingen. Und die Fotos zeigten ein völlig ausgebranntes Wrack, von dem scheinbar nur noch das Eisengerüst übriggeblieben war.

Tatsächlich aber hatte das Feuer geringeren Schaden angerichtet, als zunächst angenommen. Denn ein großer Teil der Beplankung war nicht den Flammen zum Opfer gefallen, sondern zwecks Restauration abmontiert und in die Werkstätten geschafft worden. Der Verlust an Originalsubstanz hielt sich daher in Grenzen. Und so wird das Schiff voraussichtlich 2010 wieder in altem Glanz erstrahlen und, um eine neue Episode des abwechslungsreichen Lebens reicher, wieder der Öffentlichkeit zugänglich sein.

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte

Eine Antwort zu “Cutty Sark- das schnellste Schiff seiner Zeit

  1. Ein hervorragend geschriebener, hochinteressanter Artikel, den ich als begeisterter Segelschiffsliebhaber – der sich selbst seit gut 40 Jahren für alle Aspekte der Schiffahrt, Schiffbau- und Seekriegsgeschichte beschäftigt und selbst solche Schiffe zeichnet und malt (autodidaktisch!) – absolut empfehlen kann.
    Um dem interessierten Leser, der sich die Größenordnung dieser Geschwindigkeitsangaben möglicherweise nicht so recht vorstellen kann, einen Überblick zu geben sei hier ergänzt:
    Um die angegebenen Geschwindigkeiten (in km/h) zu der eines Landfahrzeuges analog zu setzen und vergleichen zu können muss man die für das Wasserfahrzeug in km/h angegebene Geschwindigkeit mit 4 multiplizieren, um die Wirkung des Wasserwiderstandes auszugleichen,
    d. h. ein sich im Wasser mit 20 kn = 37,04 km/h vorwärtsbewegendes Schiff entspräche einen Fahrzeug, dass sich auf der Straße mit 148,16 km/h vorwärtsbewegt.
    Eine Durchschnittsgeschwindigkeit eines Schiffes von 15 Knoten (1 Kn = 1,852 km/h; = 27,28 km/h x 4 = 111,12 km/h).

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