AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen

Ruhrgebiet, das ist das Synonym für die deutsche Eisenindustrie und den Kohlebergbau des 19. und 20. Jahrhunderts schlechthin. Technikmuseen, Schifffahrtsstraßen, Industriedenkmale dokumentieren heute die industrielle Erfolgsstory des Ballungsraumes. Spätestens ab dem 27.02.2010 wird aber mit der Mammutausstellung „AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen“ im Archäologiemuseum Herne das einseitige Geschichtsbild der Region gründlich zurechtgerückt.

Luftbild Isenburg Essen

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Drei Jahre ist es nun her, dass der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mit den Vorbereitungen zur größten Mittelalterausstellung, die jemals im Ruhrgebiet gezeigt wurde, begonnen und bereits die ersten Leihgaben in Empfang genommen hatte. Ein Schatzfund mit Münsterschen Pfennigen, Pfennige aus dem Erzbistum Köln und dem kölnischen Herzogtum sowie Silbermünzen aus England wurden 2007 der Öffentlichkeit sozusagen als symbolischer Grundstock der geplanten Ausstellung präsentiert. Symbolisch deshalb, weil beispielsweise die englischen Silbermünzen als Lösegeld, für den englischen König Richard Löwenherz direkt auf den inhaltlichen Ansatzpunkt des kulturellen Großereignisses im Jahre 2010 hinweisen –die missglückte Entführung des Kölner Erzbischofes Engelbert im Jahre 1225.

Entführungen gehörten im Mittelalter zum täglichen Geschäft. Einträglich war es für Ritter, Fürsten und Städte, vorausgesetzt, die Beteiligten hielten sich an gewisse Regeln.

Gründlich schiefgegangen war es im vorliegenden Fall. Während Engelberts Gefolge beim Überfall durch Friedrich von Isenberg aus Hattingen und seinen Männern floh, setzte sich der Erzbischof zur Wehr und kam dabei um. Diese eindeutige geschäftliche Panne hatte weitreichende Konsequenzen. Die Kölner setzten ein Kopfgeld von 2100 Mark auf den Isenberger aus, das entsprach immerhin dem Wert einer halben Tonne Silber. Ein Ritter Balduin von Gennep nahm daraufhin Friedrich von Isenberg gefangen, lieferte ihn an die Kölner aus, die den gescheiterten Entführer verurteilten und grausam hinrichteten.

Ruhrgebiet als Hochburg mittelalterlicher Geschichte

Offensichtlich hatten die Kölner mit dieser Aktion im Verständnis der Einwohner der Region ein wenig überreagiert, denn der Tod des Erzbischofes war wohl eher ein Unfall denn ein Mord gewesen, wenn auch mit weitreichenden Folgen. Die Position des Kölner Bistums jedenfalls war in der Folgezeit geschwächt, Kleinkriege und Rangkämpfe der Adelsfamilien prägten die folgenden Jahrhunderte, eine Zersplitterung der Herrschaften und unzählige Burgenbauten waren die Folge und prägten von nun an die Geschichte der Ruhrregion letztendlich bis zur industriellen Revolution, die zur Übernahme vieler Burgen und Schlösser durch die Kohlebarone führte.

Mit dem Ausstellungsprojekt anlässlich des Ruhrgebietes als europäische Kulturhauptstadt 2010 soll nicht nur an das fast vergessene Ereignis von 1225, sondern auch an die Tatsache erinnert werden, dass das Gebiet um die Ruhr im Mittelalter zu den burgenreichsten Regionen europaweit gehört hatte.
Umfangreiche Forschungsarbeiten waren und sind hierfür notwendig, denn viele Burgen sind in den mittelalterlichen Auseinandersetzungen zerstört worden und im Rahmen der Industrialisierung auch ganz von der Oberfläche Verschwunden.

Forschungsprojekte und Luftbildarchäologie

Da sich die Ausstellungsmacher aber vorgenommen haben, zur Ausstellung alle Burgen, Schlösser und Herrenhäuser des Ruhrgebietes zu erfassen, haben sie mit Baoquan Song einen erfahrenen Luftbildarchäologen engagiert, der rund 4000 Quadratkilometer nach den Spuren der verschwundenen Kulturdenkmale abfliegen soll. Weit über 400 der geschichtsträchtigen Anlagen haben die Wissenschaftler übrigens bislang dokumentiert, 101 davon werden Eingang in einen Burgenführer finden.
Die Ausstellung, die vom 27.02. bis zum 28.11.2010 zu sehen ist, darf für alle Geschichtsinteressierten als wichtiger Vormerktermin verstanden werden. Schließlich wird hier nicht nur das vielfältige Bild des Mittelalters mit seinen Klöstern, Städten, Dörfern und eben Burgen im Rahmen des zeitlichen Fokus vom Ende des 12. bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts präsentiert. Die Ausstellung mit seinen rund 1000 Quadratmetern und mehr als 1000 Exponaten gliedert sich in drei Bereiche: Die Hauptausstellung mit elf separaten Themenbereichen zu denen natürlich auch die Lebensgeschichten des Erzbischofs und seines Konkurrenten oder die letzte große Ritterschlacht bei Worringen im Jahre 1288 gehören; der Bereich „Leben auf der Burg“ mit Mitmach und Erlebnisstationen; der Bereich „Ruhrgebiet ist Burgenland“ mit der Präsentation einer Burgruine, der „Sichtbarmachung“ der über 400 Burgen des Ruhrgebiets und die Burgenforschung in deren Rahmen ein besonderes Projekt geplant ist.

Die Rekonstruktion der Deutschen „Motte“

Mitten im Zentrum der Stadt Herne, auf dem Außengelände des Museums wird nämlich eine Turmhügelburg, eine sogenannte „Motte“ in Originalgröße errichtet, 25 Meter hoch und original eingerichtet. Auch diesem Projekt sind bereits intensive Forschungsarbeiten vorausgegangen. Denn tatsächlich hat keine der mittelalterlichen Holzturmburgen auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, die Zeiten überdauert und zeitgenössische Abbildungen von Turmhügelburgen sind außerordentlich selten. Weltweit gibt es derzeit nur vier Rekonstruktionen. Die in Herne geplante Fünfte wird als wissenschaftliches Projekt eine idealtypische Motte darstellen, die auf der Basis archäologischer Untersuchungen zu Mottenbauten aus ganz Deutschland  entwickelt wurde.

Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass die Ausstellung von einem hochkarätigen Vortragsprogramm und weiteren Angeboten begleitet werden wird.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen

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