Historische Segelschiffstypen und ihre Namen

Wenn von Galeonen, Fregatten oder Koggen die Rede ist, dann hat man meist eine bestimmte Vorstellung vom Aussehen dieser Schiffe. Tatsächlich besteht aber nicht immer ein direkter Zusammenhang zwischen Schiffsbezeichnung und -aussehen. Die Entwicklung der Typbegriffe ist eine historisch recht komplexe Angelegenheit.

holländische Fleuten 1647

Holländische Fleuten 1647

Die Typbezeichnung von Schiffen richtete sich ursprünglich vor allem nach Merkmalen des Rumpfes oder der Bauweise. So war das bauchige, klinkergebaute Frachtschiff der Wikinger (mit einander überlappenden Planken) eine Knorre, das schlanke, schnelle Kriegsschiff ein Langboot oder Drache. Die ebenfalls klinkergebauten Hanseschiffe wurden als Kogge bezeichnet, egal, ob sie einen oder in der Spätzeit mehrere Masten führten, ob das Deck glatt war oder Kastelle an Bug und Heck angebracht waren.

Für Handelsschiffe während der Hansezeit wurde auch der Begriff Holk verwendet. Worum es sich dabei genau handelt ist bis heute noch nicht abschließend gesichert. In ihrem Äusseren glichen sie den Koggen. Man darf aber annehmen, dass es sich um Schiffe mit gemischter, also Klinker- und Kraweelbeplankung handelte, die einen Übergang zu jener Konstruktion darstellten, die ab dem 15. Jahrhundert als Kraweel bezeichnet wurde.

Karavellen

Mit dem Niedergang des hansischen Schiffbaus und der Entwicklung der Kraweelbauweise, mit auf Stoß aneinandergesetzten Planken in Flandern, entstanden verschiedene neue Schiffstypen, die unter dem Begriff Kraweel zusammengefasst wurden. Die Schiffe des Kolumbus beispielsweise waren Kraweele oder eben, trotz gewaltiger Unterschiede in Größe, Besegelung und Aussehen, Karavellen.

Der sehr allgemeine Begriff Kraweel oder Karavelle verlor sich bald und die Schiffsbezeichnungen differenzierten sich zunehmend. Für die Kriegsschiffe des 16. und 17. Jahrhunderts war allerdings noch die Bezeichnung Galeone üblich, egal ob für die gewaltigen Schiffe der spanischen Armada oder die kleinen, wendigen Fahrzeuge des Sir Francis Drake.

Schnau und Fleute

Mit der Vorherrschaft des holländischen Schiffbaus vor allem im 16. und 17. Jahrhundert, entstanden insbesondere in der Handelsschifffahrt eine Reihe verschiedener Schiffstypen, die aufgrund ihrer baulichen Merkmale unterschiedliche Typbezeichnungen erhielten. Als Beispiel sei hier die Schnau, ein Küstensegler mit kräftigem Bug und einem speziellen Sprietsegel, dem Schnausegel, das dem Schiffstyp seinen Namen gab. Und natürlich darf in diesem Zzusammenhang die Fleute nicht ungenannt bleiben.
Die Fleute ist wohl das von Bildern alter Meister bekannteste holländische Handelsschiff. Es hatte einen weit ausladenden Bauch, in den viel Fracht hineinpasste. Nach oben hin fielen die Bordwände nach innen ein und führten zu einem ausserordentlich schmalen Deck. Von hinten betrachtet ähnelten die Schiffe mit ihren schmalen hohen Aufbauten und dem halbrunden Loch, durch das die Ruderpinne geführt wurde, einer Flöte.

Der Grund für diese scheinbar merkwürdige Bauweise war übrigens die Tatsache, dass die Dänen den Zoll für die Durchfahrt in die Ostsee nach der Decksfläche berechneten.

Klassifizierung nach Takelage

Die Bezeichnung der Schiffstypen nach baulichen, optischen oder regionalen Merkmalen wurde in Europa seit dem 18. Jahrhundert immer mehr von der Klassifizierung nach der Besegelung beziehungsweise Takelage abgelöst. Dabei spielte die Art der Segel ebenso eine Rolle, wie die Anzahl der Masten.

Grundsätzlich lassen sich zwei verschiedene Segelarten unterscheiden. Das Rahsegel, das quer zum Schiffsrumpf steht und das Schratsegel, das in Längsrichtung angebracht ist. Ein Schiff, das mindestens drei Masten hatte und an allen Masten Rahsegel führte, wurde Fregatte oder Fregattschiff genannt. Dabei spielte es keine Rolle, ob es ein Kriegs- oder Handelsschiff war. Dementsprechend waren beispielsweise die seit dem 18. Jahrhundert in Linienschiffe, Fregatten und Korvetten eingeteilten Kriegsschiffe ebenso wie die großen Ostindienfahrer dieser Zeit oder die schnellen Teeklipper des 19. und 20. Jahrhunderts Fregattschiffe. Die für diese Besegelung verwendete Bezeichnung Vollschiff ist übrigens eine rein deutschsprachige Besonderheit.

Schoner, Brigg und Brigantine

Wird beispielsweise am hinteren der drei Masten kein Rahsegel, sondern nur ein Schratsegel geführt, so handelt es sich um eine Bark. Eine Brigg wiederum ist ein zweimastiges Schiff Mit Rahbesegelung an beiden Masten. Fehlt am hinteren Mast bei der Brigg das Rahsegel, handelt es sich um eine Schonerbrigg oder Brigantine.

Man kann sich vorstellen wie viele verschiedene Schiffstypen nach dieser Klassifikation durch die Kombination der Mastenzahl und der Segelanordnung möglich sind.

Wenn man also aus einer Typbezeichnung historischer Segelschiffe auf deren Aussehen, Konstruktion oder Nutzungsart schließen will, muss man sich immer einerseits in den historischen Kontext des Schiffes begeben und andererseits herausfinden, ob es sich um eine zeitgenössische oder eine modernere Bezeichnung handelt.

Nelsons Flotte

Die Klassifizierung der Kriegsschiffe zu Lord Nelsons Zeit, also im 18. und 19. Jahrhundert orientierte sich vor allem an Aufgabe und Bewaffnung, auch wenn die Takelage durchaus eine Rolle spielte. Schiffe ersten bis vierten Ranges waren Linienschiffe unterschiedlicher Größe. sie hatten zwei bis drei Geschützdeckes und trugen zwischen mehr als 100 und mindestens 60 Kanonen. Zu den Schiffen vierten Ranges gehörten aber auch die sogenanten „Zweidecker“ mit 50 bis 58 Kanonen.

Zweidecker, die rangmäßig eher den Fregatten zugeordnet wurden, trugen 44 Kanonen, während die Fregatten und damit ebenfalls Schiffe 5. Ranges 32 bis 44 Geschütze und die Fregatten 6. Ranges 28 Stücke aufwiesen. Unter die Kategorie 6. Rang fielen dann auch alle anderen Schiffe, die zwischen 20 und 26 Kanonen trugen, die sogenannten „post ships“, zu denen auch die Sloops gehörten. Bei der Kriegsbrigg, dem Kutter, dem Schoner oder der Chebeque, kam bei der Bezeichnung wieder die Takelage zum tragen und die Bombarde, der Brander und andere Spezialschiffe wurden nach ihrer Funktion genannt.

Die arabische Dhau

Wie sehr Bezeichnung und Schiffstyp auseinanderfallen können, wenn man sich über den historischen Zusammenhang der Bezeichnung nicht im Klaren ist, zeigt das Beispiel der arabischen Dhau.
Nach landläufiger, europäischer Meinung ist eine Dhau ein Schiff mit einem Dhausegel. Das ist eine Form eines dreieckigen Schratsegels. Da nun aber nahezu alle arabischen Fahrzeuge, selbst die Lastkähne des Nils diese oder ähnliche Schratsegel verwenden, werden üblicherweise alle Segelschiffe der arabischen Welt von den Europäern als Dhau bezeichnet.

Die Araber richten sich bei ihrer Bezeichnung aber nach bestimmten Konstruktionsmerkmalen und regionalen Besonderheiten, die ausserordentlich vielfältig sind. So wird man von Arabern relativ selten von einem Schiffstyp Dhau hören, wohl aber von Baghlas, Bagarahs, Bhums, Chebars, Ganjas, Gundras, Machwas, Sambuks, Zaruks und vielen anderen mehr.


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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt, Schifffahrtsgeschichte

Eine Antwort zu “Historische Segelschiffstypen und ihre Namen

  1. c-e-m@t-online.de

    Danke für diese fundierte und interessante Darstellung !

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