Die Schwierigkeit der archäologischen Rekonstruktion

Skandinawische Felsritzungen von bronzezeitlichen Booten aus Bardal in Beitstad (Norwegen)

Skandinawische Felsritzungen von bronzezeitlichen Booten aus Bardal in Beitstad (Norwegen)

Obwohl die experimentelle Archäologie heute ein anerkannter Teil der historischen Wissenschaften ist, müssen ihre Ergebnisse im Einzelfall mit Vorsicht betrachtet werden. Denn archäologische Rekonstruktionen sind naturgemäß um so spekulativer, je schlechter die Quellenlage ist und je weniger Originalfunde vorliegen.

1971 hatte beispielsweise der Osloer Professor Marstrander  ein stein- bzw. bronzezeitliches Fellboot mit Doppelsteven gebaut und durch Versuche bewiesen, dass solche Boote bei ruhiger See durchaus in der Lage waren, beträchtliche Lasten zu transportieren. Die Grundlage für Marstranders Rekonstruktion waren Steinritzzeichungen beim norwegischen Ort Kalnes.

1885 wurde im Husumer Hafen ein Fragment eines Rentiergeweihs gefunden. Dieses Fragment wurde als Spantenteil eines Fellbootes interpretiert. Und unter Einbeziehung skandinavischer Steinritzzeichnungen wurde auch hier ein Fellboot rekonstruiert und der Öffentlichkeit als weitgehend „originalgetreu“ vorgestellt.

Das Hjörtspringboot

Marstranders Nachbau galt über Jahre hinweg bei vielen Wissenschaftlern als gelungen und weitgehend authentisch. Aber schon mit der ebenfalls 1971 erfolgten ersten Rekonstruktion des 1921 ausgegrabenen Hjörtspringbootes erlebte die Diskussion um die Aussagen der Felsritzzeichnungen neuen Auftrieb. Das bronzezeitliche Hjörtspringboot ähnelte nämlich den Felsritzzeichungen ebenso wie Marstanders Fellbootrekonstruktion. Aber das Hjörtspringboot war ein Planken- und kein Fellboot.
Heute gilt der Marstrandernachbau als „historisch falsch“ und die Wissenschaftler sind sich weiterhin Uneins darüber, ob und welche Felsritzzeichungen Plankenboote, Fellboote oder gar Rindenboote darstellen. Und auch die Rekonstruktion des Husumer Fellbootes gilt nach anfänglicher Euphorie inzwischen als umstritten.

Das Wrack von Brigg

Die neueren Rekonstruktionen des Hjörtsprungbootes scheinen allein aufgrund des vorhandenen Fundmaterials dem Original sehr nahe zu kommen. Wie sehr aber das Ergebnis einer Rekonstruktion von den Auffassungen der Wissenschaftler selbst dann abhängt, wenn es nahezu vollständig erhaltenes Fundmaterial gibt, zeigt das Beispiel des Wracks von Brigg in England.

1888 wurde es freigelegt, die Bergung erfolgte 1973/74. Datiert wurde der Fund auf  das 9. vorchristliche Jahrhundert. Die Rekonstruktion des Ausgräbers ergab ein flachbodiges, Fahrzeug, das von den Wissenschaftlern als Floß bezeichnet wurde. Diese Interpretation der Funde wurde trotz vieler ungeklärter Fragen von der Fachwelt akzeptiert, bis sich 1992 ein anderer Forscher an eine neue Rekonstruktion machte.

Die North- Ferriby- Boote

Unter Berücksichtigung der hervorragenden Grabungsdokumentation wurden sämtliche Bauteile aus Holz maßstabgerecht nachgebildet und neu zusammengefügt. Das Ergebnis war ein Boot mit rundem Rumpfquerschnitt und aufgewölbtem Boden, ähnlich wie bei den bronzezeitlichen genähten Plankenbooten, die beim englischen North- Ferriby gefunden wurden. Obwohl die neue Rekonstruktion in vieler Hinsicht deutlich plausibler ist, als die des Ausgräbers, hält dieser weiterhin an seiner Interpretation fest.

Qualität einer Rekonstruktion

Die Abhängigkeit der Qualität und Authentizität einer Rekonstruktion von der Persönlichkeit und Kompetenz des Rekonstrukteurs ist offensichtlich. Der Archäologe Dr. Timm Weski beschreibt diesen Aspekt in einem Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie sehr anschaulich. Weski stellt fest, dass archäologische Probleme nicht mit dem heutigen Ingenieurwissen gelöst werden dürfen. Vielmehr müsse man mit dem Wissen früherer Zeiten arbeiten, das man letztendlich aber nur erahnen könne.

Das bandkeramische Haus

Als eines mehrerer Beispiele führt Weski den Nachbau eines bandkeramischen Hauses auf. Alle Bauteile wurden hier durch Zurrungen nach den Vorschriften des Technischen Hilfswerks miteinander verbunden. Zwar weiss man mangels materieller Funde nichts über den Oberbau und dessen Verbindungen bandkeramischer Häuser, für viele Archäologen scheint aber klar, dass geschnürte Verbindungen üblich waren. Je weiter man sich in die Vergangenheit begibt, desto mehr wird von konstruktiven Verbindungen mit Seilen oder Schnüren ausgegangen.

Tatsächlich wären die Bandkeramiker mit den ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeugen durchaus in der Lage gewesen, einfache Steck- oder Zapfverbindungen herzustellen. Und das gilt auch für steinzeitliche Behausungen. So waren beispielsweise die teilweise sehr großen, mit Steinzeittechnologie errichteten Holzhäuser der Polynesier, tatsächlich ohne Verwendung von Schnurverbindungen gebaut worden.

Nach Weski mangelt es gelegentlich am kreativen Umgang mit technischen Fragen und der Akzeptanz der Tatsache, dass oft verschiedene Möglichkeiten nebeneinander existieren können. Oft gelte eine einmal gefundene Lösung, so Weski, als die einzig richtige und alle anderen würden als historisch falsch abgelehnt.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Archäologie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s