Mary Rose – Bergung und Geschichte des Tudorschiffes

zeitgenössische Darstellung der Mary Rose

Zeitgenössische Darstellung der Mary Rose

437 Jahre lang hatte die Mary Rose, das Flaggschiff Heinrich VIII., begraben unter Schlick und Ablagerungen im 14 Meter tiefen Wasser gelegen, bevor 1982 Tor Mor, der damals größte Schwimmkran der Welt, in einer archäologisch und technisch aufsehenerregenden Aktion das Tudorwrack ans Tageslicht brachte. Die Bergung des Flaggschiffs Heinrich VIII hat für die Archäologen eine Zeitkapsel geöffnet, die tiefe Einblicke in das Leben der Tudorzeit erlaubt.

Die Mary Rose hatte den gleichen archäologischen Stellenwert, wie 1962 der Fund der Bremer Kogge von 1380 oder die Hebung des 1956 entdeckten schwedischen Flaggschiffs Vasa von 1628. Schließlich war der Viermaster aus der Tudor-Zeit das erste englische kanonenbestückte Kriegsschiff und eines der ersten speziell für den Krieg ausgerüsteten Segelschiffe überhaupt. 91 Kanonen, vier Decks, hohe Vorder- und Achterkastelle prägten das Bild des umgebauten Handelsseglers, der immerhin als Prototyp einer Generation von hölzernen Schlachtschiffen gilt, die über drei Jahrhunderte den Kriegsschiffbau bestimmte.

Das erste echte Kriegsschiff Nordeuropas

1511 war das Schiff gebaut worden und mit den neuen Geschützen aus Heinrichs VIII. gerade neu gegründeter Kanonengießerei bestückt worden. Um einen möglichst tiefen Schwerpunkt des Schiffes zu erreichen, war das untere Batteriedeck mit den schwersten Geschützen dicht oberhalb der Wasserlinie gelegen. Bei geschlossenen Stückpforten war dies kein Problem und die Mary Rose erwies sich in den zahlreichen Einsätzen, die sie zwischen ihrer Fertigstellung und ihrem Untergang geleistet hatte, als schneller Segler und kampfkräftiges Kriegsschiff.

Neue Entwicklungen sind aber selten ausgereift. So war es kein Zufall, dass das Flaggschiff 1545 während einer Seeschlacht mit den Franzosen kenterte und innerhalb von wenigen Minuten mit seinen rund 700 Mann Besatzung Unterging, ohne einen Schuss abgefeuert zu haben. Eine Windböe hatte sich das Schiff zur Seite neigen lassen und das Wasser war schnell durch die offenen Geschützpforten des unteren Batteriedecks eingedrungen.

Museum der Tudor-Zeit

Für die britische Nation und natürlich für die Seeleute war das eine Katastrophe, für die Archäologen und Historiker bedeutete es jedoch einen seltenen Glücksfall. Denn tief vergraben im konservierenden Schlamm blieb damit ein wahres Museum der Tudor-Zeit erhalten. Schließlich war das Schiff voll ausgerüstet und bemannt, sodass hier wie in einer Zeitkapsel ein recht repräsentativer Querschnitt durch das damalige Leben präsentiert wurde.

Die ersten Funde in Form von Langbögen, Flaschen, steinernen und eisernen Kanonenkugeln sowie ein Bronzegeschütz wurden bereits 1836 vom Meeresboden geborgen. Mehr als ein Jahrhundert später stieß man durch eine alte Seekarte wieder auf das inzwischen vergessene Schiff. Zwei Jahre, nachdem das Wrack schließlich durch Echolotsondierungen lokalisiert wurde, begannen die 15 jährigen Ausgrabungs- und Bergungsarbeiten, die in der Hebung des Wracks gipfelten. Über 500 freiwillige Taucher aus aller Welt absolvierten insgesamt etwa 25.000 Einsätze, um rund 17.000 Gegenstände aus dem versunkenen Schiff zu räumen und den fast 36 Meter langen, 10 Meter breiten und bis zu 13 Meter hohen Rumpf freizulegen.

Nach aufwändigen Konservierungs- und Rekonstruktionsarbeiten ist das Wrack nun seit einigen Jahren im Portsmouth Historic Dockyard den Besuchern zugänglich. Und natürlich ist ein Mary Rose Museum angeschlossen, im dem die zahllosen Funde, die die Mary Rose in sich barg, die Tudor-Zeit lebendig werden lassen. In der Zeit von September 2009 bis 2012 wird das Tudor-Schiff selbst allerdings wegen der Bauarbeiten an einem neuen Museum, nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich sein

Medizinischer Flottendienst

Neben den damals modernen Schiffsgeschützen, den berühmten englischen Langbögen, dem Geschirr, den Möbeln, dem Proviant und den vielen anderen Dingen des täglichen Bedarfs der damaligen Zeit, sind auch die im Rahmen des Museums präsentierten Funde des Schiffslazaretts von großem Interesse.
Heinrich VIII hatte nämlich mit dem Medical Act von 1511 einen durchstrukturierten medizinischen Dienst für Marine und Heer ins Leben gerufen, um Armee und Flotte mit kompetenten Ärzten zu versorgen. 1513 bestand dieser Dienst für die Flotte, wie ein Dokument in der British Library belegt, aus einem Chefarzt, vier Oberärzten und zweiunddreissig Ärzten. Die Funde der Mary Rose vermitteln daher einen guten Eindruck über den damals fortschrittlichsten Stand der Medizin, insbesondere der Chirurgie.

Epedemie an Bord

Über die genauen Ursachen des Untergangs der Mary Rose wurde lange spekuliert. Unter anderem wurde dem Kapitän Unfähigkeit vorgeworfen. Die starke Belegung des Lazaretts und ein Bericht des damaligen Admirals sprechen aber dafür, dass an Bord des überfüllten Schiffes eine Lebensmittelvergiftung oder eine Influenzaepedemie grassiert hatte. Man nimmt an, dass die Mannschaft krankheitsbedingt schlichtweg nicht in der Lage war, den Befehlen des Kapitäns schnell genug zu folgen und die Kanonenpforten rechtzeitig zu schließen.


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Eingeordnet unter 4 Frühe Neuzeit, Archäologie, Ausstellungen, Unterwasserarchäologie

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