Die Ursprünge der Götterwelt Südamerikas

Die Mythologie der Inka ist uns vor allem aus Berichten der europäischen Eroberer bekannt. Aber die Götter der Inka haben eine Jahrtausende alte Vorgeschichte. Die nördlichen und zentralen Anden- einschließlich der Küstenregion die Gegend Südamerikas, in der sich uralte Stadtstaaten, König- und Kaiserreiche mit entsprechenden archäologischen, künstlerischen und architektonischen Hinterlassenschaften finden.

Viracocha

Viracocha

Seit etwa 3500 v. Chr. sind in der Andenregion feste Siedlungen bäuerlicher Kulturen auszumachen, deren Gebäude und Gräber bereits auf soziale Unterschiede schließen lassen.

Von etwa 1200 v. Chr. an sind in den Anden dann neue, größere Zivilisationen zu finden. Die am weitesten verbreitete frühe Kultur war die Chavin-Kultur (1200 – 200 v. Chr.). Anscheinend basierte sie auf einem religiösen Zeugungskult, dessen Götter in allen späteren Kulturen der Zentral-Anden wiederkehren und bis zur Zerstörung der Urreligionen durch die europäischen Eroberer im 16. Jh. verehrt wurden.

Natürlich verarbeitete die Chavin-Kultur die religiösen Vorstellungen der Vorgängerkulturen und so ist es kein Wunder, dass ein zentrales Element der Chavin, die Fangzahngottheit bereits in den früheren Kulturen immer wieder auftaucht und sich auch bis in den späten Horizont hinein in der ganzen Andenwelt findet.

Wesentliche Merkmale der Fangzahngottheit sind fratzenartige Jaguargesichter mit riesigen Fangzähnen, kombiniert mit Elementen von Schlangen, Menschen und verschiedenen anderen Tieren. Man darf von einem animistischen Hintergrund ausgehen, der zur Vorstellung dieser Mischwesen geführt hatte.

Sonnengötter

Die bekanntesten südamerikanischen Götter sind männlich, sie repräsentieren die Sonne und lassen sich immer wieder auf die Kulturheroen zurückführen, die den verschiedenen Völkern durch ihre Wanderung das Wissen um Maisanbau und Bewässerung gebracht und daraus auch ihren Schöpfer- und Herrschaftsanspruch abgeleitet hatten. Diese Götterwelt ist uns natürlich vor allem durch die Überlieferung der europäischen Eroberer und der späten Hochkulturen des Andenlandes, allen voran der Inka (ab etwa 1400), bekannt.

Erdgöttin Pachamama

Im früh- und vorgeschichtlichen Hintergrund finden sich neben den Fangzahn- und Stabgottheiten, die Mamas, die Erdgöttinnen, die Urmüttern, wie beispielsweise die Pachamama, die Erdgöttin der Inka. Pachamama war eine der frühesten Gottheiten der Region und für das Wohlergehen der Pflanzen und Tiere verantwortlich. Selbst heute noch opfert man der Pachamama bei allen wichtigen agrarisch orientierten Festen.

Auch die bei den Inka kaum noch bedeutende Mondgöttin Si sollte man allein deshalb nicht verschweigen, weil ihr ursprünglich eine wesentliche Rolle in den Glaubensvorstellungen der Andenvölker zu Eigen war. Si war immerhin die höchste Göttin der Moche (400 bis 600 nach unserer Zeitrechnung.) und später auch der Chimu (etwa 1200) und herrschte als Königin der Jahreszeiten und des Wetters auch über Götter und Menschen.

Viracocha

Die mythologische Unterordnung ursprünglicher und fremder Götter haben die Inka letztendlich zur Perfektion entwickelt. Ihr kulturell ja recht junger oberster Sonnengott wurde mythologisch mit jeder unterworfenen Kultur immer älter gemacht. Selbst eindeutig ältere Schöpfergottheiten anderer Kulturen wurden dem Viracocha als entweder gleichaltrig oder jünger dargestellt. Der Viracocha der jungen Inkakultur wurde zum mächtigsten Gott der Andenregion.

Es ist durchaus auch zu vermuten, dass die älteren Schöpfergottheiten wie beispielsweise  Pachacamac auf weibliche Schöpfergottheiten zurückzuführen sind und von den Inka vermännlicht worden waren. Pachacamac war eine so mächtige Gottheit der Küstenregionen, dass es den Inka nicht gelingen wollte, diese ihrem Viracocha unterzuordnen. Schließlich wurde mythologisch festgelegt dass Pachacamac und Viracocha identisch sind. Dazu musste Pachacamac aber unabhängig von seiner tatsächlichen Natur natürlich männlich sein.

Die Urmutter

Pachacamac gilt übrigens als Sohn der Sonne und des Mondes. Eine frühere Gottheit namens Con hatte die Menschen geschaffen, doch Pachacamac besiegte die Gottheit und verwandelte die Menschen in Affen. Auch diese zentrale Legende lässt die Schlussfolgerung zu, dass bei den Andenkulturen vor den männlichen Schöpfergöttern eine andere Schöpferkraft vorausgestzt wurde, dass also die allmächtigen männlichen Götter Schöpfungen einer älteren, wahrscheinlich universelleren weiblich-chaotischen Schöpferkraft waren.


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Eingeordnet unter Ethnologie

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