Die Vorstellung vom Drachen im Wandel der Zeiten

Der Drache ist ein aus der Tierwelt entlehntes, zusammengesetztes mythisch überhöhtes Wesen, als dessen Ursprung in der Regel die Schlange angesehen werden kann. Als Beispiele seien hier genannt: die Schlange im Paradies; die Chaosschlange, die den ägyptischen Sonnengott jede Nacht verschlingt und am Morgen wiedergebiert oder die Midgardschlange, der Urdrache des nordischen Sagenkreises.

Tatsächlich wird der Drache in vielen Ursprungsmythologien als Schlange dargestellt und selbst der Drache, den Siegfried tötete, wird noch als Wurm bezeichnet.

Phantastische Heraldik

Auf den ersten Blick scheint die geflügelte Phantasiedarstellung des Drachen in die Zeit aufkommender Heraldik zu fallen. Jener Zeit also (ca. 800 n. Chr.), als die verschiedenen Adelsgeschlechter damit begannen sich Wappen als unverwechselbare Zeichen ihres Standes und ihrer Herkunft zuzulegen. Betrachtet man die Heraldik, so kann man auch hier feststellen, dass anfangs der Drachen nur selten Flügel hatte und dass erst in der Hochzeit des Rittertums außerordentlich barocke und phantasievolle Wesen mit Flügeln dargestellt wurden.

Drachen der Vor- und Frühgeschichte

Geht man aber zu möglichst alten Drachenbeschreibungen und Drachendarstellungen zurück, so lässt sich feststellen, dass die Menschen damals durchaus nicht so festgelegt waren. Die Darstellung eines Drachen aus der zentralasiatischen Steppe (5. Jahrhundert v. Chr.) ähnelt eher einem Adler. Der keltische Drache ist sowohl in den Sagen als auch in den abstrahierten Darstellungen der vorchristlichen Zeit eine Schlange und erhält erst in der Zeit der Niederschrift (beispielsweise in der Artussage 800 – 1200 n. Chr.) sein heraldisches Aussehen.

Auch die Bibel (etwa 700 v.u.Z.) weiß bereits im Alten Testament von Drachen zu berichten: „Jesaja 27: Zu der Zeit wird der Herr heimsuchen mit seinem harten großen und starken Schwert beide, den Levithan, der eine flüchtige Schlange ist, und den Levithan, der eine gewundene Schlange ist, und wird den Drachen im Meer erwürgen.“
„Daniel 7 . . . Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders denn das andere. Das erste wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler . . . das andere Tier war gleich einem Bären . . . und hatte in seinem Maul unter seinen Zähnen drei große lange Zähne . . . und siehe ein anderes Tier, gleich einem Parder, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe und ihm war Gewalt gegeben. . . .das vierte Tier war greulich und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne . . .und hatte zehn Hörner.“

Der babylonische Drache wurde vor rund viertausend Jahren folgendermaßen beschrieben: „Er hat einen Krokodilskopf mit Stierhörnern, den Leib einer Riesenschlange, die Beine eines Löwen und die Flügel einer Fledermaus.“

Das Aussehen des chinesischen Drachen hat sich seit Jahrtausenden kaum geändert. Krokodils- oder Kamelkopf, Hirschgeweih, Schlangenkörper und Adlerklauen sind die wesentlichen Merkmale.

Der Zusammenhang von Aussehen und Funktion des Drachen

Das Aussehen des Drachen hing immer davon ab, was er in der jeweiligen Kultur und Epoche repräsentierte. Das beginnt bei der grossen Muttergottheit, die der Entwicklung patriarchal organisierter, komplexer städtischer Zivilisationen im Wege steht und daher bekämpft werden muss (die ersten Drachenkämpfe).

Der Drache steht auch für gewaltige Naturereignisse oder komplexe soziale Umwälzungen wie die Entstehung und den Niedergang großer Weltreiche im vorderasiatischen Raum.

Naturwissenschaft und Fantasy

Mit Beginn der Neuzeit und schließlich der Aufklärung begann der Drache seine ursprüngliche Bedeutung zu verlieren. Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise verlangte nach einer biologischen Erklärung des Drachen. Saurier und Komodowarane standen nun für die Vorstellung vom Aussehen des Drachen Pate. Diese Betrachtungsweise hat sich auch in der heutigen Fantasy durchgesetzt. Daher gleichen sich heute nahezu alle Fantasydrachen, die meist als monströse Flugsaurier dargestellt werden.


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2 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichte im Querschnitt

2 Antworten zu “Die Vorstellung vom Drachen im Wandel der Zeiten

  1. Interessant und aufschlussreich in diesem Artikel sind die beiden folgenden HInweise, die man durchaus in einem gewissen Zusammenhang sehen könnte:“Saurier und Komodowarane standen nun für die Vorstellung vom Aussehen des Drachen Pate“, “Er hat einen Krokodilskopf mit Stierhörnern“, Betrachtet man sich nämlich die Schädelknochen bestimmter Spezies/ Arten der Carnosaurier (Fleischfressende Saurier), insbesondere den Schädel des Allosaurus, kommt man zu folgender Hypothese: Wäre es nicht möglich, dass bereits die Menschen in der Frühzeit Überreste solcher Saurier fanden, die auf natürliche Weise (z. B. durch Erosion) freigelgt worden waren und bestimmte Merkmale sich im Laufe der mündlichen Überlieferung “ verstärkten“ woraus küntlerisch begabte Mitglieder der damaligen Famiien- und Stammesverbände nach und nach die Drachengestalten (regional stark unterschiedlich) kreierten, die sich wiederum im Laufe der künstlerischen Tradition über Jahrtausende „evolutionell“ weiterentwickelten?
    Wie sonst soll man sich diese enorme Ähnlichkeit der Gestalt der Drachenköpfe des babylonischen Drachens an sonsten erklären können. Das kann doch eigentlich unmöglich ein purer Zufall sein! Der Schädel eines Allosaurus fragilis weist hornähnliche Fortsätze des Schädels oberhalb der Augen- und Stirnhöhlen auf. siehe hierzu u. anderem: http://de.wikipedia.org/wiki/Allosaurus.

    • Die immer wieder gern bemühte These vom Saurierfossil, das die Phantasie der Menschen zur Entwicklung einer Vorstellung vom Drachen angeregt hat, scheint sich wohl nicht ausrotten zu lassen. Dabei erklärt sie hinsichtlich des Drachen als kulturgeschichtliches Phänomen gar nichts und wirft zudem die Frage auf: warum sollte man sich diese „verblüffende Ähnlichkeit“ erklären sollen, und warum kann das unmöglich ein Zufall sein? Es gibt für so ziemlich alles „verblüffende Ähnlichkeiten“ mit anderen Dingen, trotzdem haben sie deshalb nicht automatisch etwas miteinader zu tun.
      Wenn die Alten von einem Krokodilskopf, Stierhörnern und Schlangenkörpern reden, dann schlichtweg wegen der eben nicht verblüffenden, sondern selbstverständlichen Ähnlichkeit mit einem Krokodilskopf, Stierhörnern oder Schlangenkörpern. Und genau diese eindeutig definierten Attribute mächtiger Tiere, aus denen die Drachen zusammengesetzt waren, und deren Bedeutung jeder kannte, lassen sich ganz konkret im Einzelfall aus der jeweiligen Kultur ableiten. Wirklich verblüffend wäre es, wenn sich unsere Vorfahren wegen irgendwelcher zufälliger Funde (die ja im Gegensatz zu den realen Tieren nicht jeder kannte) einen Drachen ausgedacht, oder seine gesamte Ikonographie (die Grundlage der Herrschaftsausübung!) über den Haufen geworfen hätten.
      Auch wenne es nach schamloser Eigenwerbung klingt, aber ich empfehle vor diesem Hintergrund wirklich die Lektüre meines Buches „Andre Zeiten, andre Drachen“.

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