Mesopotamien – Städte, Zivilisationen, Götter

Eine der eindrucksvollsten mesopotamischen Städte ist sicherlich Babylon. Hier spielt die Sage von Gilgamesch, hier hat der Stadtgott Marduk nach dem Mord an seiner Mutter Allmacht erlangt.

Im mythologischen Kampf der Götter spiegelt sich die historische Entstehung städtischer Zivilisationen in Mesopotamien wider.

Während des 7. Jahrtausends v.u.Z. tauchten in den fruchtbaren Niederungen Nordmesopotamiens die ersten Bauerndörfer auf, Siedlungen, die den Übergang von der früheren Jäger- und Sammler-Kultur zu Ackerbau und Viehzucht dokumentieren. Bereits wenige Jahrhunderte später waren einfache Bewässerungssysteme entstanden, die auch eine Besiedlung im Inneren Mesopotamien zuließen.

Um die Mitte des 6. Jahrtausends war, wahrscheinlich durch Zuwanderung, die sogenannte Halaf-Kultur entstanden. Diese Kultur stand in keinem Zusammenhang mit früheren Kulturen. Nun entstanden auch die ersten Siedlungen im Süden Mesopotamiens, das Handelsnetz weitete sich aus, ein primitives Zahlensystem entstand und hier werden auch die Anfänge der Schrift vermutet. Das Bewässerungssystem war ebenfalls weiterentwickelt worden, im Süden Mesopotamiens nutzte man nun die früher so verheerenden Überflutungen des Euphrat im Frühling, um die Ernteerträge zu steigern.

Die ersten Städte

Schließlich entstanden im 4. Jahrtausend die ersten Städte. Vorbereitet durch die vorangegangenen Kulturen hatte sich ein komplexes Gesellschaftssystem entwickelt, mit gut durchorganisierter Verwaltung, Schrift und „Stadt-Staats-Religion“.

Natürlich waren diese „reichen“ Gesellschaften dem Verlangen fremder Stämme und dem gegenseitigen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Und jedes dieser neu entstandenen Zentren versuchte natürlich seinen Einfluß auf die Region zu verstärken.

Die Notwendigkeit, viele Menschen für große Gemeinschaftsaufgaben zu organisieren, erforderte natürlich auch eine gewisse Hierarchie, eine neue Sichtweise der Welt und eine von allen akzeptierte Machtkonzentration bei einer Führungsschicht. Und so hatte jede Stadt ihren eigenen Gott, der mit seinen Dienern in einem prachtvoll ausgestatteten Tempelkomplex wohnte und von dort aus über die Priesterschaft und den König die Geschicke „seines Volkes“ leitete. In Ur war dies die Göttin Inanna, im späteren Babylon Marduk.

Die Vielfalt und Komplexität der mesopotamischen Götter- und Mythenwelt ist verwirrend. Zahllose Stadtgötter, unterschiedliche mythische Chronologien, die mythologische Übereinanderschichtung verschiedener Götterwelten zahlreicher semitischer und am Ende auch indoeuropäischer Einwanderungswellen, lassen einen schnell den Überblick verlieren.

Revolution in der Götterwelt

Lange Zeit wurde die südmesopotamische Region von der Stadt Ur beherrscht, erst etwa um 1800 v.u.Z. erlebte das weiter nördlich gelegene Babylon seinen wirtschaftlichen und machtpolitischen Aufschwung. Mit dem Erreichen der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung in Mesopotamien räumten die Priester Babylons mit der mythologischen Unordnung gründlich auf. Marduk, der kleine, einst unbedeutende Stadtgott, wurde zum obersten Gott ganz Mesopotamiens ernannt. Man konnte es sich ja jetzt leisten.

Marduk vernichtete kurzerhand alle störenden Götter einschließlich seiner (Ur-)Mutter Tiamat und verbannte die unterlegenen Stadtgötter der Konkurrenten in einen Palast im Himmel. Bei dieser Neuordnung der Götterwelt hatten sich die Priester nicht einfach irgendetwas ausgedacht. Die neue Ordnung konnte ja nur funktionieren, wenn die Menschen sie auch verstanden, nachvollziehen konnten. Und dies war natürlich nur dann der Fall, wenn das bereits seit Jahrtausenden bestehende und geprägte Weltbild beibehalten wurde, alte Überlieferungen und aktuelle Mythologien einbezogen worden wären.

Mythologische Legitimation von Herrschaft

Marduk, der babylonische Gott hat seine Mutter, die Erde, getötet. Aber die Erdmutter, die fruchtbare, aus der die Lebensmittel sprießen, ist die Gottheit der Bauern. Und der Glaube an die Erdgottheit ist oft genug auch verbunden mit einer sogenannten mutterrechtlichen Sozialstruktur. Die aber passt nicht in die männerrechtliche Staatsorganisation. Doch Marduk vernichtet die Urmutter nicht wirklich, sondern formt aus ihr eine geordnete Welt. Der weibliche Fruchtbarkeitsmythos bleibt also erhalten und findet sich auch in der mesopotamischen Verehrung von „gezähmten“ Fruchtbarkeitsgöttinnen wieder.

Mit Marduk wurde einer der ersten allmächtigen Götter geschaffen, denen – und zwar mythologisch glaubwürdig – alle anderen Götter untergeordnet waren. Marduk ist nun der absolute Herrscher im Himmel und auf Erden und er findet sein Pendant in der Entwicklung der zentralen Konzentration der Macht bei den Königen der folgenden Großreiche.


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