HMS Victoria – das Zeitalter der Experimente

Am 22. Juni 1893 befahl der Admiral der mächtigen britischen Mittelmeerflotte, Sir George Tryon die Durchführung eines eindrucksvollen Manövers, bevor die Flotte auf der Reede vor Tripoli vor Anker gehen sollte, beobachtet von einer großen Menschenmenge und begrüßt von einer Militärkapelle.

In zwei Linien formierten sich die Schiffe der beiden Divisionen parallel zueinander, um dann gleichzeitig um 180 Grad nach innen zu wenden. Das Manöver endete in einem Desaster. Aufgrund offensichtlich falsch verstandener Befehle und gewisser Missverständnisse, rammte das Führungsschiff der zweiten Division, HMS Camperdown unter Konteradmiral Albert Markham, das Führungsschiff der ersten Division, Sir Tryons Flaggschiff HMS Victoria, das binnen 13 Minuten versank und die Hälfte der Besatzungsmitglieder einschließlich des Admirals mit in die Tiefe riss.

Die Schlachtschiffe der vor-Dreadnought-Zeit

Schaut man sich die Schiffe der beiden Divisionen ein wenig genauer an, so präsentiert sich dem Betrachter ein recht uneinheitliches Bild. Da war das Schlachtschiff HMS Edinburgh, mit zwei Geschütztürmen, die sich diagonal zueinander aufgestellt nahe der Mitte des Schiffes befanden. Oder das Schlachtschiff HMS Nile, mit einer sogenannten Zitadelle in der Mitte in der die Hauptbewaffung aufgestellt war. Die HMS Collingwood, war ein sogenanntes Barbetteschiff, bei der die durch eine gepanzerte Brüstung geschützten Kanonen auf einer Art Drehteller montiert sind. Die Barbetten der Collingwood trugen die Hauptgeschütze und waren vorn und hinten aufgestellt. Die HMS Dreadnought wiederum war ein bereits 1870 auf Kiel gelegtes Turmpanzerschiff, bei dem die vorn und hinten angebrachten Geschütztürme in die Panzerung der zentralen Zitadelle integriert war. Nicht zuletzt erwähnt werden soll hier natürlich auch das Schiff, das die HMS Victory versehentlich versenkt hatte, die HMS Camperdown. Dieses Schlachtschiff gehörte zur sogenannten Admiral-Klasse, für die die HMS Collingwood Modell gestanden hatte. Die HMS Camperdown war jedoch größer und stärker bewaffnet, sodass auch hier gewisse Unterschiede ins Auge gefallen sind. Eine aus den verschiedensten Schiffstypen zusammengewürfelte Schlachtflotte in der sogenannten vor-Dreadnought-Zeit hatte so gar nichts mit den majestätischen Schlachtlinien der Ära  Lord Nelsons oder der Zeit nach dem Stapellauf des ausgereiften Typschlachtschiffes HMS Dreadnought im Jahre 1906 zu tun.

Das Rammschiff HMS Victoria

Denn zwischen dem ersten eisernen Panzerschiff, der HMS Warrier von 1860 und dem ausgereiften Schlachtschiffkonzept der HMS Dreadnought von 1906, lag eine Zeit der Experimente und technologischen Entwicklungen mit teilweise skurilen Ergebnissen. Faszinierende und elegante, aber auch richtig hässliche Konstrukte, unproportioniert und oft auch recht unbrauchbar entstanden auf den Reissbrettern der Ingenieure oder durchpflügten sogar die Meere. Und zu den letzteren darf durchaus auch Tryons Flaggschiff, die HMS Victoria gezählt werden. Der Chefkonstrukteur der Royal Navy, Sir Nathaniel Barnaby, hatte sich bei der Victoria die Hafenschutz-Panzerschiffe der 1870er und 80er zum Vorbild genommen. Die Hauptartillerie, immerhin zwei gewaltige Geschütze mit einem Gewicht von jeweils etwa 110 Tonnen, waren in einem Geschützturm in vorderen Drittel des Rumpfes untergebracht. Eine Zitadelle mit leichten Geschützen lief bis zum Heck und nach hinten war gerade einmal ein 25,4 cm-Geschütz gerichtet. Das ganze Schiff war sehr konsequent auf das Versenken des Gegners durch den massiven Rammsporn ausgerichtet, eine Taktik, die angesichts der rasanten Entwicklung von Panzerung und Distanzartillerie trotz einzelner Erfolge, nie eine wirkliche Rolle in der Auseinandersetzung der Panzerschiffe gespielt hatte.

Rammtaktik und Panzerschiffe

Diese einzelnen Erfolge beispielsweise der amerikanischen Rammschiffe im Bürgerkrieg hatten zur Einführung des Rammspornes und entsprechender Kampftaktiken in allen Marinen geführt. Das Rammen wurde sogar noch zum Ende des 19. Jahrhunderts trainiert, indem sich die Besatzungen kurz vor dem Rammstoß–natürlich auf Befehl und in Reih und Glied- auf die Planken warfen. Die letzte erfolgreiche und ernstzunehmende kriegerische Rammattake war 1866 bei der Seeschlacht der östereichisch-ungarischen Flotte gegen die Italiener bei Lissa erfolgt, die ganz auf  Rammtaktik ausgerichtete HMS Victoria war jedoch erst rund 20 Jahre später, 1887 vom Stapel gelaufen.

Auch wenn er längst seine Funktion verloren hatte, der Rammbug blieb noch bis zum ersten Weltkrieg in Mode, und natürlich war auch die HMS Camperdown mit einer solchen Waffe ausgestattet. Wie untauglich diese jedoch war, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass auch die Camperdown nach der Kollision mit dem Flaggschiff beinahe gesunken wäre und immerhin rund drei Monate zur Reparatur im Dock gelegen hatte.

HMS Victoria, das Seegrab der Royal Navy

2004 entdeckten nach mehr als 10 jähriger Recherche die Taucher Christian Francis und Mark Ellyatt die HMS Victoria vor der Küste von Tripolis. Durch das Gewicht der schweren Buggeschütze und des massiven Rammsporns war es senkrecht in die Tiefe gefahren und hatte sich, angetrieben von den beim Untergang auf volle Kraft laufenden Schiffsschrauben zu rund einem Viertel der Schiffslänge in den weichen Meeresboden gebohrt. Seitdem steht das Schiff wie ein Grabstein als offizielles Monument eines Seegrabes der britischen Marine in 147 Metern Tiefe auf dem Boden des Mittelmeeres.

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Eingeordnet unter 19. Jahrhundert, 5 Neuzeit, Schifffahrtsgeschichte

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