Uxul – eine Mayastadt zwischen den Zeiten

Wenn die Archäologen der Universität Bonn zusammen mit dem Denkmalamt des mexikanischen Bundesstaates Campeche 2009 und 2010 ihre Feldkampagnen in der vor wenigen Jahren neuentdeckten Maya-Siedlung Uxul durchführen, dann geht es nicht nur um archäologische Schätze, sondern auch um die Beantwortung einer Frage, die die Wissenschaft seit der Entdeckung der Maya-Kultur beschäftigt: nämlich wie war der Ablauf und was war die Ursache des so genannten Maya-Kollapses.

Im 9. und 10. Jahrhundert fand ein relativ schneller Niedergang der Mayakultur zunächst im südlichen Tiefland, später in der gesamten Zentralregion Yukatans, der mexikanischen Halbinsel, statt. Mit der Aufgabe der Städte, dem massiven Bevölkerungsrückgang dem Verfall der Bewässerungssysteme und dem Verschwinden des Brauchs, monumentale Steinstelen zu errichten, gilt der Zusammenbruch der Maya-Gesellschaft spätestens ab Mitte des 10. Jahrhunderts als gesichert.

Geschichte der Herrschenden versus Lebenswirklichkeit der Bevölkerung

Ökologischer Raubbau und damit der Entzug der Lebensgrundlage durch die Landwirtschaft, Invasionen, Katastrophen, Epidemien oder Klimaveränderungen werden in der Wissenschaft als Ursache für die gesellschaftliche Katastrophe der Maya diskutiert. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten archäologischen Kampagnen sollen nun ein wenig Klarheit in die Diskussion bringen. Denn die Fragestellung und Herangehensweise bei den Ausgrabungen in Uxul ist relativ neu. Das Thema des Grabungsprojektes heißt daher auch nicht „Ausgrabung in Uxul“, sondern „Expansion und Zerfall hegemonialer Herrschaft im Mayagebiet“. Durch den direkten Vergleich der zahlreichen historischen Angaben auf Stelen und Altären mit den Erkenntnissen aus den Grabungen am selben Ort, wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob beziehungsweise inwieweit sich die Berichte der Herrschenden mit der Lebenswirklichkeit der übrigen Bevölkerung deckt.

Uxul, Zeitzeuge von Mayagroßmächten verschiedener Epochen

Aber warum gerade Uxul. Natürlich, Uxul ist allein schon deshalb spannend, weil die Siedlung nach ihrer Erstentdeckung 1934 wegen ihrer Abgeschiedenheit für die Forschung rund 70 Jahre lang verschollen war. Erst mit der Wiederentdeckung durch Forscher der slowenischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Bonn im Jahre 2005 konnte Uxul für die systematische Forschung erschlossen werden. Immerhin hat die Maya- Siedlung in den Jahren 2006, 2007 und 2008 bereits drei Erschließungskampagnen hinter sich gebracht, die die jetzt stattfindenden Grabungen erst ermöglicht haben.

Aber natürlich liegt der wissenschaftliche Wert des Ortes nicht in seiner abenteuerlichen Abgeschiedenheit und auch nicht in seiner aufsehenerregenden Wiederentdeckung. Bei Uxul handelt es sich um eine Maya- Siedlung, die bereits in der sogenannten späten Präklassik (ca. 400 vor bis ca. 250 nach Christus) existierte, nicht weit entfernt vom präklassischen Maya- Machtzentrum El Mirador mit der höchsten bekannten Maya-Pyramide. Als El Mirador etwa 50 nach unserer Zeitrechnung verlassen wurde, blieb Uxul bestehen und erlebte 500 Jahre später den Aufstieg der ebenfalls präklassischen Siedlung Calakmul zur regionalen Großmacht.

Hieroglyphen und Obsidian

Es ist die lange Besiedlungsdauer der Stadt zwischen den Großmächten verschiedener Epochen, mit unterschiedlichen Koalitionen und Abhängigkeiten, die Uxul wissenschaftlich so interessant machen. Und dass die Forscher mit ihrem Interesse an diesem logistisch und klimatisch extrem schwierigen Ort richtig liegen, haben die ersten Ausgrabungsergebnisse gezeigt. So lassen die Hieroglypheninschriften Uxuls, die nur einen Zeitraum von etwa 70 Jahren abdecken, darauf schließen, dass die Königsdynastie der Stadt bereits Ende des 7. Jahrhunderts untergegangen war. Das aber bedeutete nicht den Untergang der Stadt selbst, denn die archäologischen Funde belegen eine Besiedlung bis in die postklassische Zeit, also bis in das 10.nachchristliche Jahrhundert. Für die Archäologen wirft das Auseinanderfallen der höfischen Kultur auf der einen und die Aufgabe der Siedlung durch die Wohnbevölkerung auf der anderen Seite ein ganz neues Licht auf die Frage nach Ablauf und Ursache des Maya- Kollapses. Ein weiterer Fund hat die Forscher überrascht. In Uxul wurden große Mengen des in damaliger Zeit wertvollen Rohstoffes Obsidian gefunden. Uxul musste wohl ein bedeutendes Handeslzentrum gewesen sein. Im benachbarten weit größeren und mächtigeren Calakmul wurde nach vielen Jahren archäologischer Grabungen deutlich weniger des begehrten Vulkanglases gefunden als in Uxul innerhalb von nur zwei Monaten.

Tatsächlich sind die ersten Ergebnisse also zunächst einmal überraschend und für vorschnelle Interpretationen nicht geeignet. Denn sowohl die Ausgrabung als auch die wissenschaftliche Auswertung steht ja noch ganz am Anfang.

Abenteuer Forschung

Aber die ersten Ergebnisse zeigen, die Kampagne wird sich lohnen. Und das sollte sie auch. Denn vor allem die Arbeitsbedingungen verlangen den Forschern einiges ab. Uxul liegt immerhin über 100 Kilometer von der nächsten Straße entfernt, mitten im Biosphärenreservat Calakul. Zwischen 12 Stunden und vier Tagen waren die Forscher bei den Vermessungs- und Surveykampagnen der letzten Jahre jeweils unterwegs, um vom letzten Posten der Zivilisation zum Einsatzort zu kommen. Die Versorgung vor Ort ist entsprechend aufwändig, das Leben in den Ruinen einfach und gefährlich. Nur einmal pro Woche findet der Postverkehr und die Versorgungsfahrt statt. Und für die studentischen Hilfskräfte möglicherweise besonders problematisch: es gibt keinen Handyempfang. Wasser kommt aus der Wasserstelle in Uxul, abgekocht und gefiltert durchaus genießbar. Ansonsten lauern Malaria, Dengue, Infektionen und Giftschlangen. Immerhin, so die Ausschreibung zur Grabungskampagne stellt das Projekt eine Notfallapotheke, insbesondere Serum, bereit.

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