Vom Faustkeil zum Mikrochip – Evolution des Menschen

Lucy mit dem aufrechten Gang

Lucy mit dem aufrechten Gang

Wer von der vom 10. Mai 2009 bis zum 11. April 2010 stattfindenden Ausstellung über die Evolution des Menschen erwartet, Darwins Evolutionstheorie mit Schädeln, Skeletten und archäologischen Funden präsentiert zu bekommen, wird nicht enttäuscht. Wer hingegen mehr von einer solchen Ausstellung erwartet, erst recht nicht. Denn die Ausstellungsmacher des LWL-Museums für Naturkunde in Münster haben das Thema aus ganz verschiedenen und vor allem immer wieder überraschenden, ja originellen Blickwinkeln aufgearbeitet.

Natürlich fängt alles mit Darwin an, schließlich ist 2009 das Darwin-Jahr und dann gibt es da noch eine gewisse Verbindung zwischen dem großen englischen Naturforscher und dem Museum, die dem Besucher in Form eines Briefes präsentiert wird. Eines fällt dem Besucher sofort ins Auge: der große Stammbaum des Menschen, der in Form eines mit Präparaten unserer äffischen Vorfahren besetzen Metallrohrbaumes, den direkten Weg in die Ausstellungsräume versperrt. Die „Krönung“ der Evolution hat sich unter Zuhilfenahme modernen Werkzeugs, nämlich eines Klettergeschirrs, das am Stammbaum zurückgeblieben ist, abgeseilt und muss wohl in der Ausstellung verschwunden sein.

Die Ausstellung strotzt nur so von mal mehr, mal weniger subtilen, zum Verstehen und Nachdenken anregenden Hinweisen auf die wesentlichen Aspekte der Evolution, deren menschliche Ausformungen in Form von Sozialverhalten oder Moral in oft verblüffender Weise Parallelen im Tierreich finden.
Aber zunächst zurück zu Darwin. Da ist, in einen Stehpult eingearbeitet, ein Bildschirm mit der Ansicht von Darwins Büro aufgebaut. Wenig aufregend nur auf den ersten Blick. Denn über den Touchsceen kann man aus dem Büro jede Menge Informationen zu Darwins Theorie, zu seiner Forschungsreise mit der Beagle und vieles andere mehr herausholen, man kann darin virtuell umherwandern, Bücher aus dem Regel hervorholen und aufschlagen und befindet sich somit mittels modernster Technologie in der Welt vor rund 150 Jahren „spielend“ zurecht.


Lucy, Turkana Boy und der Airbus

Vom Heidelberger zum Homo Sapiens. Der Neandertaler hatte das größte Gehirn.

Vom Heidelberger zum Homo Sapiens. Der Neandertaler hatte das größte Gehirn.

In der Ausstellung dann begegnen wir Lucy, der Vertreterin der Spezies Australopithecus afarensis als lebensechte Nachbildung in heimischer Umgebung oder als Skelett, das den Übergang vom Lebensraum Baum zum Boden und die damit verbundene Entwicklung zum aufrechten Gang belegt.

Neben den personalisierten Urmenschen wie Lucy, dem Turkana Boy oder dem Hobbit, wird die biologische Evolution des Menschen aber auch an Schädelreihen und anderen archäologischen Exponaten dargestellt, immer wieder ergänzt von überraschenden Präsentationen vergleichbarer Entwicklungen im Tierreich. Überraschung wird ohnehin groß geschrieben in der Ausstellung, denn wo immer er glaubt, auf Vertrautes zu stoßen, wird der Besucher durch unerwartete Frage- oder Themenstellungen oder auch durch Exponate, die einfach nicht hierher zu gehören scheinen, aus seinem gedanklichen Konzept gebracht. Aber alles, was in den Ausstellungsräumen nach rund zweijähriger Vorbereitungsphase sorgfältig und sichtlich engagiert aufgebaut wurde, gehört auch hierher. Sowohl die lebensgroßen Dioramen, die beispielsweise die Werkzeugherstellung der „Urmenschen“ in ihrem Lebensumfeld darstellen, als auch das direkt gegenüber aufgebaute Modell eines A 380- Flugzeuges befinden sich aus guten Gründen genau dort, wo sie sind.

Denn Evolution ist unglaublich umfassend. Technik, Sprache, Sozialstrukturen, Religion und Moral, Recht, künstliche Selektion und Aggression gehören ebenso zum Thematischen Umfang der Evolutionsausstellung wir Ernährung, Wirtschaftsformen, Medizin, Heilige Orte oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach Kunst, Energie und Demographie.

Trauernder Elefant

Trauernder Elefant

Die Moral der Vampire

Die Ausstellung ist, vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein, Abenteuer pur. Wie soll man es sonst nennen, wenn ausgerechnet als Beispiel für „moralisches Verhalten“ die blutsaugenden Vampirfledermäuse als Beispiel herhalten müssen oder ein lebensgroß an der „Grabstätte“ eines verstorbenen Herdenmitglieds trauernder Elefant als Beleg für das Vorhandensein echter Gefühle im Tierreich dient. Die Ausstellung relativiert in jedem Fall die selbstherrliche Vorstellung von der grundsätzlichen Besonderheit des Menschen gegenüber der Tierwelt, denn es wird klar, dass die evolutionären Prinzipien für alles Leben die gleiche Gültigkeit haben und sich eben auch auf soziale Entwicklungen innerhalb einer Spezies beziehen. Auf der anderen Seite lässt sich aber auch erkennen, in welcher Hinsicht sich die Menschen tatsächlich von den Tieren unterscheiden und vor allem warum.
Kommunikation über Sprache ist es, was den Menschen von den Tieren unterscheidet. Nicht, dass es keine Tiere gäbe, die sprechen können, wenn man beispielsweise die Gebärdensprache mit einbezieht, aber der Mensch ist die einzige Spezies, der Sprache als zentrales Mittel der sozialen Kommunikation einsetzt. Erst dies, so die Ausstellungsmacherin Gerda Windau, habe die Herstellung komplexer Werkzeuge ermöglicht, durch die sich die Menschen in Kooperation aus gewissen natürlichen Zwängen zu befreien in der Lage gewesen waren. Kommunikation mit High Tec, ist dann auch ein Thema, dass Zukunftsfragen thematisiert, denn die Evolution geht ja weiter. Auch hier originelle Denkanstöße und interaktive Angebote.

Ganz konventionell dagegen das überaus empfehlenswerte 124-seitige Begleitbuch, das zum Preis von 14,80 Euro im Museumsshop erstanden werden kann. Mit den verständlich geschriebenen Aufsätzen zu den zahlreichen Stationen der Ausstellung und erklärenden Fotos entsprechender Exponate kann der Leser die Ausstellung noch einmal nachvollziehen oder aber die Anregungen aufnehmen und sich mit dem Thema Mensch-Tier-Natur-Evolution weiter auseinandersetzen und den Museumsbesuch zu Hause einfach fortsetzen.

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Eingeordnet unter Archäologie, Ausstellungen

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